Leichte Sprache
Gedichte Beate Stanislau

Gedichte von Beate Houston (Beate Stanislau)

im Rahmen der Ausstellung Komm Glüückck im open art museum, St.Gallen (25. Juni bis 18. Oktober 2026)

Feder / im Flug / 

Feder / aus einem Vogelflügel / 

Feder / im Tau / 

Feder / so leicht / 

Feder / die durch die Lüfte schwebt 

 

Feder / die im Wind tanzt / 

Feder / die über den Boden gleitet / 

Feder / die den Schlaf bewacht / 

Feder / die zart ist / 

Feder / die weich ist / 

Feder / die dem Himmel gehört 

 

Feder / die alles vergessen lässt / 

Feder / die in den Träumen wohnt / 

Feder / die alles verzeihen kann / 

Feder / die auf dem Wasser schwimmt / 

Feder / die den Tag begrüßt 

 

Feder / die sich im Licht wiegt / 

Feder / die in der Stille ruht / 

Feder / die niemals bricht / 

Feder / die die Zeit überdauert / 

Feder / die immer wiederkehrt 

 

Feder / die mein Herz berührt / 

Feder / die meine Seele heilt / 

Feder / die mein Schicksal schreibt / 

Feder / Feder / Feder / 

einfach / 

nur Feder 

Zwischen Traum  

und Wachsein 

wenn die langen Tage 

die Dunkelheit bezwingen  

und ohne Schlaf  

die Abende kein Ende nehmen  

die schwarzen Rücken  

der steinernen Zungen wie gestrandete Wale 

in silbernen Wassern liegen  

dann werden die Schritte leicht  

und dein Körper  

wird gleitend und körperlos  

Dein Blick ist wie neu  

und deine Sinne 

haben die längsten Antennen 

der Welt 

ohne Gepäck  

ohne Wohnung 

ohne Garten und Auto  

zwischen den Winden 

die in den Steinen liegen  

wie ein aufsteigendes Blatt wie schwebendes Laub 

Wenn du die Musik liebst  

die du hörst  

und die Stimme 

und wenn sie dich nimmt  

als hätte es nie 

einen Kampf gegeben 

nie einen Widerstand  

wenn du deinen Körper 

fallen lässt  

in jeder Zelle  

und jede Zelle 

wieder zum Körper wird 

mit einem eigenen Leben  

und du in alle Nächte 

gleiten kannst  

wie eine dunkle Materie 

von Strömungen getragen 

dann hat das Gefühl  

des Schwebens 

dich erfasst für immer  

als gäbe es deinen Körper 

nicht mehr  

nur noch dieses Gefühl 

Zwischen den elliptischen 

Bahnen der Erden gleitend 

zwischen weißen Monden 

und ungeheuren Globen  

mit gespreizten Fingern  

wie segelnde Sänger  

Delphin der Universen  

Silberfisch an explodierenden Sonnen vorbei 

 

 

Unsagbar  

sich um die eigene Achse  

zu drehen  

und körperlos  

ein Stern unter Sternen zu sein  

mit Schatten verlorener Asteroiden  

auf deiner Haut 

 

 

Zwischen Traum und Wachsein  

wenn du die Erdenschwere  

noch als Erinnerung hast  

aber dein Körper nur noch die Hälfte wiegt 

 

 

Vor dir steigen Planeten auf  

wie eine Orgie  

des Schöpfungstages 

 

Alles was du weißt  

ist unnützer Ballast  

Alles was deine Knochen tragen  

ist unnützer Ballast  

Erfahrungen werden  

zur allerersten Frage  

und deine Gedanken sind ein stilles Betrachten  

geworden 

 

Der Aufstieg des Gestirns 

schenkt dir vier Tage  

Der Niedergang des Gestirns  

schenkt dir vier Tage 

 

Du bist dankbar  

für die gleitende Zeit  

die dir andere Systeme schenken  

die Schleier der gelben Tage  

die deine Gefühle  

körperlos betten 

 

Zwei Schatten  

wenn du unter dem Fixstern stehst 

 

Deine Abendlieder  

im rosa Licht  

der müden Atmosphäre 

Zwischen Traum und Wachsein

Dort / am tiefsten Grund der Canyons 

wenn in der Nacht 

das Wasser sich an Steinen bricht 

und das Gebrüll der Katarakte 

die felsigen Schluchten füllt 

dort / Wanderin / Sängerin 

dort ist dein verlorener 

dein erfüllter Gesang 

 

Dort / wo unter dem Flügel des Condors 

der Wind in einer Säule aufsteigt 

dort / wo der Albatros 

in dreijährigem immerwährendem Flug 

seine Flügel breitet 

über den erdummantelnden Ozeanen 

dort über den Klippen 

dort über den Steinküsten 

mit dem struppigen Grasbuckeln in Inselkernen 

dort / Wanderin und Sängerin 

dort ist dein windgetragener 

dein erdumspannender Gesang 

 

Auf den Rücken der Elefantenherden 

wiegt er sich 

unter den Hufen der Gnuherden 

stäubt er empor 

wenn die Tiere / von der Dürre gejagt 

ihre dunklen mageren Leiber 

auf harten gespaltenen Hufen 

über die Savanne jagen 

Im Sprung der Gazelle wirbelt 

dein Gesang empor 

Im den Hornbögen der Säbelantilope 

schlägt er den Löwen 

und über die unendlichen Sanddünen 

den glühenden Berghöhen der Sahara 

trägt dich dein Lied 

mit stolzem zurückgebogenen Hals der Kamele

 

Lied unter der Erde 

in den Cavernen der Berge 

wo der Mensch seine geheimen Schlachten schlägt 

hinter stählernen computergesteuerten Toren 

dort wo Heere von Verschwundenen sterben 

und unbekannte Wächter 

Gefangene quälen / moderne Sklaven 

im Namen von Mächten 

die kein Kind anerkennen / kein lebendes Tier 

keine Liebe und keine freie Luft 

über unserer so gequälten geschundenen Welt

 

Dort / unter den Knien der Fliehenden 

in den schwarzen Schlofen der Erde 

dort / wo die Luft kaum noch 

zum Atmen reicht

 

dort wo du deine Freunde 

in Felsspalten verlierst 

ertrunken in unterirdischen Flüssen 

eingeklemmt in Felsspalten 

von einer verirrten Gewehrsalve der Verfolger 

doch noch erschossen 

dort / Wanderin / dort 

ist dein endloser / dein gequälter 

zu Tode gemarterter Gesang 

 

Dort / wenn du mit zerfleischten Füßen 

an einer Theke sitzt 

mit aufgestützten Ellenbogen einen Gin trinkst 

oder einen Kaffee 

in der Nacht / Wanderin 

wenn du mit sechs Messerstichen 

in einem letzten verzweifelten Anlauf 

deiner Mörder erlegt hast 

in ehrlichem Zweikampf 

dort / Sängerin / dort Siegerin / 

dort über der Leiche deines Feindes 

dort ist dein Gesang

 

Und in den Armen der Freundin 

und immer noch voll Wunden 

wie ein gejagtes Tier noch halb erstickt 

von den Höllenfahrten des Lebens erzählend 

von all den Vergewaltigungen 

von all den Foltern 

dort Sängerin / dort Wanderin 

irgendwann einmal geregt 

geschützt in einem Bett 

dort zwischen Liebe und Leid 

dort / Frau / ist dein Gesang 

 

O / einmal die Nächte voll Ruhe 

unter deinen Füßen 

unter deiner Hüfte 

das schlafende Gras der Erde 

O / noch einmal die Stille 

ferner Planeten 

der Sternteppich der Galaxien 

deine verlorenen Kinder

O / noch einmal die Begegnung 

der Monde und Planeten / Freundin 

wo du mit ausgebreiteten Armen 

in freiem Flug das All durchpflügst 

dein Körper ein kosmisches Schiff 

jede Pore deines Leibes 

ein Auge / ein Ohr und eine erfahrene Welt 

Dein Lied hat auf dem Asphalt der Städte 

am Beginn deines Leben begonnen 

unter den Bomben der Kriege 

Es ist von Angst gefärbt 

von Tod und Sehnsucht nach Frieden 

Deine Füße / Wanderin / sind über fremde 

Erden gegangen 

und diese verbrannte 

auf immerwährender Suche nach Liebe 

Die Suche ist endlos wie dein Lied 

von Planet zu Planet 

von Stern zu Stern zu tragen 

Aber nur dein Herz 

wird einmal eine Antwort wissen 

und einmal Ruhe finden 

deine einzige Begegnung 

Dein Herz auf dem unauslotbaren Grund 

des Schlafes

Mehr zu Beate Stanislau finden Sie hier im oam digital.