Jakob Greuter (1890–1984): Der Zweite Weltkrieg
Ort: Museum im Lagerhaus (bis 1994 Vadianstrasse 57), St.Gallen
Greuter hat die Gesellschaft an ihrem Abfall erlebt, hat all das in den Händen gehalten, was man nicht mehr braucht, was die schöne Ordnung in der Wohnung stört, in allem, was als hässlich gilt, was verfault und stinkt. Von der Gesellschaft verachtet, weil er sich an ihrem Abfall die Hände dreckig machte. In seiner Sparsamkeit war er es gewohnt, in steter Abhängigkeit und aus zweiter Hand zu leben. Finden indessen machte ihm sichtlich Spass. Der Müll war ihm seine Schatztruhe, die er mit Leidenschaft durchwühlte, um seine Sammlung zu mehren.
Greuter schienen die 92 Blätter der Bildfolge besonders wichtig gewesen zu sein - andernfalls hätte er sie kaum in einer aus Karton und Klebestreifen gebastelten Mappe aufbewahrt, auf deren Deckel mit goldbronzierten Buchstaben der Titel "Der zweite Weltkrieg 1939-1945" steht. Zu Lebzeiten Greuters wussten nur wenige, dass er einen grossen Teil seiner Freizeit mit Zeichnen und Malen verbrachte. Und wenn er gelegentlich einmal eines seiner Werke einem Arbeitskollegen zeigte, so fand er kein Verständnis: Was sollten sie mit diesen ungelenken, oft etwas schmierigen und so gar nicht "schönen" Zeichnungen anfangen? [Die Bilder] entstammen zum grösseren Teil der deutschen Propagandazeitschrift 'Signal', die zwischen 1940 und 1945 in unregelmässigen Abständen erschien und auch in der Schweiz recht verbreitet war, sowie der 'Schweizerr Illustrierten Zeitung'. 102 der insgesamt 176 Motive hat Grueter diesen Publikationen entnommen; die restlichen 74 hat er in andern Ueitungen und Zeitschriften gefunden, Zensurvermerke, Angaben der Fotoagentur, die Motive selbst oder den Stil der Bildlegenden lassen in manchen Fällen auf die Herkunft der Vorlagen schliessen oder diese zumindest vermuten; eine sichere Zuweisung aber ist um so schwieriger, als sich sowohl in den 'Signal'-Ausgaben als auch in der 'Schweizer Illustrierten Zeitung' (SI) im Verlauf der Kriegsjahre deutliche Verschiebungen der inhaltlichen Schwerpunkte und, parallel dazu, auch Veränderungen im Sprachduktus feststellen lassen.
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Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen


