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Der Ausstellungstitel «Seh-Wechsel» bezieht sich einmal auf den inhaltlichen Perspektivwechsel, den die «Toys» von François Burland gegenüber den Fotografien von Hildegard Spielhofer einnehmen. «Seh-Wechsel» meint aber auch den Blickwechsel in der Gegenüberstellung von Outsider Art und zeitgenössischer Kunst.

Space Cowboy Mit seinen «Toys» lässt uns der selbst ernannte «Space Cowboy» François Burland (geb. 1958) eintreten in ein Universum technischer Unmöglichkeiten. Die denkwürdigsten Gefährte haben hier ihren Auftritt: Schiffe, Automobile, Flugzeuge, Raketen, Panzer, U-Boote und sogar ein Ufo in allerlei Grössen und Formen – manche sind bemannt, manche führungslos. Acht Monate lang, von April bis Dezember 2008, hat François Burland sein «Toyland» erschaffen. Einzelne «Toys» waren schon früher, seit 1984 entstanden, aber nie in solcher Formation. Überraschend, witzig und ‚naiv‘ kommen die «Toys» daher in ihrer zusammengewürfelten Gestaltung und oberflächlichen Montage. Holz, Draht, Blech, diverse Fund-, Verpackungs- und Abfallmaterialien, Dosen, Stöcke, Schläuche oder Kronkorken, bis hin zu verschiedenen Küchenutensilien oder auch mal eine Laterne, alles wird vom Künstler in diesen ungewöhnlichen Recyclingprozess einbezogen. Die Fahrzeuge sind mit Namen bezeichnet, die Spiel-Raum lassen für vielerlei Assoziationen: «Spoutnik Power», «Potemkine», «Mir», «Koursk», «Babel» oder «Exodus» verweisen auf Historie, Legenden, Ideen und Visionen; wiederholt finden sich Zitate der ehemaligen Sowjetunion und der «Roten Revolution». Omnipotente Aufschriften der Schiffe erinnern an den Flottenwahn Kaiser Wilhelms II., «Montecassino » an die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Abtei in der Nähe Roms und «Bagdad-Killer» an den Irakkrieg. Die Nennung der Schweizer Bank «UBS» auf der Panzerkanone trifft – unabhängig von der internationalen Finanzkrise – eine Aussage zur Rolle des Kapitals bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Ohne Scheu werden ebenso FreundInnen, Künstlerkollegen und auch Museen in oftmals belustigender Weise geehrt. Dabei werden gern einmal Buchstaben verwechselt, ausgetauscht oder ganz ausgelassen. Nicht nur das Museum im Lagerhaus und seine Leiterin «Jakfeld» (Jagfeld) oder das Museum Dr. Guislain, Gent/Belgien, samt seinem Kurator «De Preester» werden wiederholt zitiert, auch die Künstlernamen «Messerchmit» (Messerschmidt), Philippe L«Espinasse», Paul «Amar» oder «Arnulf Rainer», zugleich Outsider Art-Sammler wie auch Eric «Moinat», sind zu finden. Die grösste Rakete trägt den Titel «Atomik Mother». Der skurrile Charakter der «Toys» besteht vor allem in ihrer stolz präsentierten Nutzlosigkeit. Mächtige Namen zieren klappernde, völlig unbrauchbare, funktionsuntüchtige Objekte und gipfeln in ironischer Selbsterhöhung ihres Erfinders: «1er Rex Burlandissimus»! Im Museum begegnen wir den «Toys» auf Sockel gehoben und in Vitrinen verschlossen, zum Kunstwerk stilisiert. Burlands «Toyland» sind sie damit entglitten. Die unterschiedliche Präsentation soll den «Seh-Wechsel» provozieren. Die dunkle, destruktive Seite zerstörerischer Maschinengewalt zeigt Burland in übermalten Fotocollagen. Schmale Querformate erzählen in ihrer Abfolge wie Filmstreifen von Krieg, Fliegerangriffen, Bombardements, Verwüstung, Tod und Vernichtung. Städte werden zu Trümmerfeldern, ganze Eisenbahnzüge brechen zusammen – die Technik ruiniert sich selbst. Entstanden ist die Serie 2007/2008, parallel zum «Toyland». Die gestrandete «Voile Liberté» Den «Toys» von François Burland sind Fotografien der Serie «Portobello» (2000–2006) von Hildegard Spielhofer (geb. 1966) gegenübergestellt. Über sechs Jahre hat die zeitgenössische Künstlerin aus Basel das gestrandete Schiffswrack der «Voile Liberté» abgelichtet. Immer wieder hat sie den Ort an der Nordküste Sardiniens aufgesucht und den Verfall des Schiffes mit der Kamera begleitet. Baut Burland seine Schiffe aus Fundmaterialien zusammen, zeigt Spielhofer das selbst zum Fundstück gewordene Schiff. Ungewöhnliche Ansichten verfremden das kaum erkennbare Wrack. Fotografiert bei Dunkelheit mit Langzeitbelichtungen von bis zu 15 Minuten und mit einer Taschenlampe ausgeleuchtet, tritt der Schiffskorpus wie ein Juwel aus dem tiefen Schwarz der Nacht scheinbar aus dem Nichts hervor. Ausgestreckt liegt er auf dem sandigen Grund «wie ein Fossil, in ungezählten Ablagerungen geborgen, die sich auf der vergammelten Oberfläche der Aussenhaut des Schiffsbauches einschreiben» (Maja Naef, in: Portobello, 2006). Die Fotografien haben einen poetischen Charakter. Sie bestechen in ihrer diffusen Schärfe, den starken Kontrasten von Hell und Dunkel und einem satten Schwarz, das dem Schiff eine atmosphärische Aura verleiht. Der Bildraum bleibt dabei abstrakt. «Auf dem Meer ist jeder allein» Spielhofers Serie «Portobello» wie auch die Schiffe Burlands, die vorherrschend sind unter den «Toys», knüpfen an die Bildtradition der Seestücke an. Romantische Vorstellungen gehen mit dem Motiv des Schiffs einher, lassen an William Turner oder Caspar David Friedrich denken, an maritime Andachtsbilder, stolze Flotten sowie Schilderungen dramatischer Seestürme. Mit dem Schiff verbinden wir die Abenteuer eines Robinson Crusoe und tragische Schiffskatastrophen wie den Untergang der Titanic. Es kann aber auch Teil einer Armada sein. Symbolisch steht das Schiff für den Aufbruch, das Verlangen nach «neuen Ufern», für das Fernweh und das Reisen selbst, das Unterwegssein. Auf dem Schiff sind wir dem weiten Meer, das der Tiefe des Unterbewusstseins entspricht, und der Einsamkeit ausgeliefert. Im Wrack ist das Scheitern dieser Ziele und Sehnsüchte verkörpert. Einzelne Schiffsteile der «Voile Liberté» hat Spielhofer gesammelt, sie mit Texten beschrieben oder in Frottagetechnik abgedruckt. Sie erzählen von der Vielschichtigkeit des Motivs: Das Schiff als Sehnsuchtsort, als Geisterschiff, als Fähre zwischen den Welten. Als «Gegenort» (Foucault) bedeutet das Schiff das «grösste Reservoir für Fantasie». Bei Burland sind alle Möglichkeiten des Schiffes ad absurdum geführt, bei Spielhofer ist das «Segel der Freiheit» sprichwörtlich gestrandet.

Bilder zur Ausstellung

Details

Typ
Gruppenausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Monika Jagfeld, St. Gallen

9 Kunstwerke aus der Museumssammlung in der Ausstellung

François Burland
"MESSERCHMDIT 101" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Flugzeug (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Blech, Draht, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002806
François Burland
"ASSAMAKA" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Kleines Auto (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Kork, Duschkopf, Blech, beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002805
François Burland
"SALAM BOMBAY - 1er Rex Burlandissimus" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, Draht, Kronkorken, Staubsaugerschlauch)
2009
Inventar-NR. oam_0002803
François Burland
"COSMODROME" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Rakete (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien
2009
Inventar-NR. oam_0002804
François Burland
"TURKICH LINE" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, Draht beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002801
François Burland
"AMIRAL MOINAT" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Draht, Blech, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002799
François Burland
"2èME DB.LECLERC" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Kleiner Panzer (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002802
François Burland
"BURLAND PREMIER" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Grosses Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Draht, Garnrollen, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002800
François Burland
"BURLAND PREMIER ROIS DES BELGES" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Blech, Plastik, Draht, Kronkorken, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002798
François Burland
"MESSERCHMDIT 101" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Flugzeug (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Blech, Draht, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002806
François Burland
"ASSAMAKA" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Kleines Auto (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Kork, Duschkopf, Blech, beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002805
François Burland
"SALAM BOMBAY - 1er Rex Burlandissimus" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, Draht, Kronkorken, Staubsaugerschlauch)
2009
Inventar-NR. oam_0002803
François Burland
"COSMODROME" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Rakete (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien
2009
Inventar-NR. oam_0002804
François Burland
"TURKICH LINE" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, Draht beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002801
François Burland
"AMIRAL MOINAT" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Draht, Blech, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002799
François Burland
"2èME DB.LECLERC" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Kleiner Panzer (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Blech, Holz, beschriftet und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002802
François Burland
"BURLAND PREMIER" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Grosses Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Draht, Garnrollen, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002800
François Burland
"BURLAND PREMIER ROIS DES BELGES" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Schiff (Beschreibender Titel)
Diverse Materialien (u.a. Holz, Blech, Plastik, Draht, Kronkorken, bemalt und beklebt)
2009
Inventar-NR. oam_0002798