Alp-Träume
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Kaum ein Künstler aus der Region rund um den Säntis kann sich der Kultur des Alplebens und des Senntums entziehen. Doch gibt es Künstler, die vehement Position beziehen gegen touristische Vermarktung und Heile-Welt-Idyll: Der Traum von der Alp gerät zum Alptraum. Bei anderen wird Idylle ironisch gebrochen, surreal inszeniert oder gar erst erträumt.
„Die grosse Wut“ packt Willy Künzler (geb. 1930) angesichts mancher Regierungsentscheidungen. Ganz besonders dann, wenn sie den Schweizer Bauernstand bedrohen, der Umwelt schaden und die Kreatur nicht achten. Künzler entledigt sich seiner Wut im Bild und rechnet mittels Pinsel und Stift ab mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Der fünfteilige Bildzyklus zum „Niedergang der Ausserrhoder Kantonalbank“ (1996) war der Beginn seiner bildkünstlerischen Tätigkeit. Er interpretiert Missstände, die zur Auflösung der Bank führten. Der Platz vor dem Regierungsgebäude in Herisau ist Ort des Geschehens, davor ein Fass ohne Boden, aus dem Goldstücke sogleich wieder unten heraus purzeln. Bankherren betreiben ihre privaten Geschäfte und geben sich Vergnügungen im „Freudenhaus AKB Herisau-Genf“ hin, bis die ARKB zu Grabe getragen wird. Künzlers Stärke liegt im Narrativen. Jedes Blatt für sich erzählt in kleinen Parallelszenen Geschichten rund um das Hauptthema. Der Zyklus hat heute wieder eine ungeahnte Aktualität. Der Niedergang der Ausserrhoder Kantonalbank damals, die internationale Finanzkrise heute: ein wahrer Alptraum. Zukunfts-Alpfahrt In diesem Jahr feiert Willy Künzler seinen 80. Geburtstag und so steht er im Mittelpunkt der Ausstellung. Zwei Blätter reflektieren Kindheitserinnerungen. Aufgewachsen im Rheintal hat er die „Bombadierung Friedrichshafens“ (2007) im Zweiten Weltkrieg mit erlebt. „Macht ein Kuh-Engel Krieg? Staats-Herren machen Krieg!“ (2010) ist seine Antwort. Die Figur des Kuh-Engels mit weiblichem Körper, Kuhkopf und Engelsflügeln ist ein Spezifikum in Künzlers Werk. Er übernimmt die Rolle des stillen Zeugen und Mahners; auf den Fensterladen gemalt hat er die Funktion des Schutzengels, der alles Böse vom Haus fernhält. Er steht auch für die Unversehrtheit der Kreatur und Künzler unterscheidet hierbei nicht zwischen Mensch und Tier. So beklagt er den Eingriff in die Natur. „Die Labor-Kuh“ (1998), die „Staatliche Versuchsalp“ (2004) oder die „Kuh im Jahr 2500“ führen uns Folgen von Genmanipulationen vor Augen. Die geliebte Kuh, die grosse Ernährerin, mutiert in „Genfood-Invasion – Kuh ausser Kontrolle“ (1997) selbst zum Monster, das alles zerstört. Doch meist zeigt Künzler mit der Kuh das Leiden der Kreatur. „Das Berghäämetli fressende Ungeheuer“ (2001) tritt als riesige Spinne auf, in deren Fängen blutende Kühe hängen. Vergeblich versuchen Bauern das Ungeheuer zu vertreiben, während im Bildvordergrund Sennen zum Schellenschötten, Musiker und ein Chor zum Gaudi der Besucher bereit stehen. Eine Ähnlichkeit des Spinnengesichts mit Bundesrat Couchepin ist kein Zufall. Rückseitig notiert der Maler: „Opfert Bundesrat Couchepin 18‘000 Bergbauern, Blick 22.9.2000/ An den Milchkontigenten hängen 40‘000 Existenzen, 25.1.2001/ 400 Bauern im Unterrheintal sind am Rande des Konkurses…“. Ungeschönt benennt Künzler Tierversuche und brutale Massenschlachtungen. Versammelt um ein Kruzifix wird „der Schrei der geschundenen Tiere“ (1999) laut. Im „Alptraum“ (1996) erscheinen dem schlafenden Bauern blutige Kadaver, die am Kreuz hängen. „Die Verbrennung der Tiere“ (2001) zeichnet ein düsteres Szenario, das an Genozide der menschlichen Geschichte denken lässt. Unterwerfen wir uns einer grenzenlosen Kommerzialisierung, dann können die zukünftigen Alpfahrten laut Künzler nur noch mit Zeppelin durchgeführt werden. Oder es finden Autorennen rund um den Säntis statt. Bauern nutzen eine neue Einnahmequelle, wenn sie Kühe als Werbefläche, als „Lebende Reklame“ (2007) verkaufen: Mit um den Leib geschlungenen Werbebannern stehen sie für verschiedene Unternehmen oder Parteien auf der Alp. Inszenierte Natur – Selbstinszenierungen in der Natur Hans Krüsi (1920-1995) teilt die Liebe zur Natur und zu den Tieren, speziell zu den Kühen. Er fokussiert die Natur oft mit dem Kameraauge. Bei seinen künstlerischen Experimenten hat der Universalkünstler kaum eine Technik ausgelassen. In Brockenhäusern gefundene Fotoapparate setzt er in unkonventioneller Weise ein. Besonders die schnelle Sofortbildkamera schätzt er. Gerne inszeniert sich Krüsi selbst in der Natur und nimmt hier unterschiedliche Rollen ein. Eine Folge von 6 Fotografien zeigt eine spielerische Kuhbegrüssung – Krüsi, der „Kuhflüsterer“. Ironie steckt in Krüsis Werk. Er macht sich den Traum von der Alp mit „Kuhmaschinen“ verfügbar, die ihm jederzeit und überall Alpfahrten imaginieren können, wenn er an der Maschine kurbelt. Die Natürlichkeit der Natur wird witzig hinterfragt, wenn er Milchtüten fotokopiert und wieder mit Alpszenen bemalt oder gleich die komplette Milchtüte als Baustein in sein Werk eingliedert. Appenzeller Häuser stehen als wackeliges Gerüst und unbewohnbar dar. Das Haus ist Ausdruck von Heimat, einem Ort der Identifikation. Ein Hausrelief ist mit Tierbildern und ihm selbst belebt. Verkehrte Welt Ins Fantastische geraten die „Sennischen Alpträume“ von Erich Staub (geb. 1942). In minuziöser Feinmalerei zeigt er in verschiedenen Versionen verkehrte Welten und entwirft surreale Szenen von „Appenzellern im Himmel“ oder eine in Scheiben zerlegte Kuh. Alles gerät aus den Fugen, wenn Appenzeller in New York City einfallen und eine Hühnerinvasion die Stadt mit Eiern bombardiert, so dass alles von einer zähen Schicht von Eiweiss überzogen wird. Schliesslich sind die Appenzeller auch „die Grössten und die Stärksten“. Durch eine unbestimmbare Landschaft fährt das Appenzeller Bähnli und trägt die Bergwelt auf dem Dach davon. Und Anna Josipovic-Staub (geb. 1942) stellt ein Erleben des Senntums nur noch als Computeranimation erfahrbar vor. Traum von der Alp Das Malen und die Natur bedeuten für Irma Bonifas (geb. 1948) das Leben. Sie ist im Appenzellischen aufgewachsen und seit ihrer Kindheit der Alp verbunden. Ihre besondere Liebe gilt den Ziegen, die sie in allmöglichen Variationen darstellt. Sie malt sie, bildet sie aus Papiermaché oder bedeckt mit Geissenbildern ein kleines Häuschen. Geradezu visionären Charakter besitzt eine Spirale von Geissen (2005), die sich in einem kosmischen Strudel um die „göttliche“ Ziege im Bildzentrum bewegen. Das Sein in und mit der Natur zeigt Irma Bonifas weder kritisch, noch ironisch. Sie malt Sehnsuchtsorte und sucht im Alp-Traum vielmehr ein Paradies.
Details
"Appenzeller im Himmel" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Öl auf Leinwand
Inventar-NR. oam_0019969
Ohne Titel
Geissenspirale (Beschreibender Titel)
Acryl auf Karton (Malkarton)
Inventar-NR. oam_0001789
"Kuhengel" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Acryl auf Holz
Inventar-NR. oam_0017414






