Philippe Saxer (geb.1965): eine zutiefst existenzielle Kunst – Pierre Koch 'Pilou' (1923–2005): Vom Ei zum Menschen
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
In einer Doppelausstellung präsentiert das Museum im Lagerhaus St. Gallen Zeichnungen des Berner Künstlers Philippe Saxer sowie Bilder des geistig behinderten Pierre Kocher, genannt Pilou.
Philippe Saxer, geboren 1965 in Bern, ist Zeichner, Maler, gelernter Kunstglaser. Er kennt die Psychiatrische Universitätsklinik Waldau bei Bern von mehreren Aufenthalten, hat eine ansehnliche Liste von Ausstellungen und einen Einzelkatalog vorzuweisen und wirkt mit in Alfredo Knuchels Film "Halleluja! Der Herr ist verrückt". Philippe Saxers Ausserst feinnervige Zeichnungen sind Bilder des Menschen in seiner Geworfenheit, seiner condition humaine. Bilder der Einsamkeit in einer vom Allzuviel bevölkerten Leere. Bilder einer Ganzheit, die vor lauter Zerrissenheit ächzt und knirscht. Die Trinkerin leert den Keich, der sie ins Verderben führt, oder aber sie vermag ihn nicht mehr zu halten. Gross sind die Mütter mit ihrem Haar, das sie mit der Sonne verbindet und mit geheimen Quellen der Energie. Meist ist Saxers Zeichnung Schwarz auf Weiss, Zuweilen kommt Rot hinzu. Rot ist die Liebe, heisst es, und Rot reimt auf tot. Der Tod ist häufiger Gast in Saxers Werk. Die Linien seiner Zeichnungen führen uns in Ballungen und Konzentration, bewegen sich häufig über den Blattrand, über die Begrenzung hinaus ins Ungewisse oder vielleicht in eine grosse Freiheit. Inhaltliches und Form, Archaisches wie Privates dialogisieren zu lassen gelingt dem Künstler meisterhaft durch eine Konfrontation verschiedener Sichtweisen und Grössenverhältnisse. Sein mehrschichtiges Schaffen, das sich an der Umwelt und ihrem Geschehen reibt und entzündet, kommt aus seiner seismographischen, vielschichtigen Persönlichkeit. Saxers Zeichnungen schaffen eine eigene Realität, die ehrlich und wahr ist. Es ist eine zutiefst existenzielle Kunst. Darum kann sie auch Schmerz und drohendes Zerbersten nicht ausschliessen. Pilou - Vom Ei zum Menschen Pierre Kocher, genannt Pilou, ist am 9. August 1923 mit einer geistigen Behinderung zur Welt gekommen. Seit seinem achten Lebensjahr wohnte er in verschiedenen Heimen, bis er 1963 in die medico-pädagogische Institution L'Espérance in Etoy VD kam, wo er sich sichtlich aufgehoben fühlte. Pilou konnte weder lesen noch schreiben und sprach kein Wort. Sein Eingeschlossensein in sich selbst aber hat ihn nicht davon abgehalten, eine eigene Sprache zu finden. Während vielen Jahren hat er gewissermassen die gleiche Zeichnung gemacht. Es waren Eiformen, primitiv, urzuständlich, die mit der Zeit Augen bekommen haben, zu schauen, Beine und Füsse, um Schritte zu machen in dieser noch unbekannten Welt. Kopffüssler. Einen Mund, um zu lächeln, Arme, den Umraum zu erkunden. Oder, wie Michel Thévoz, der einstige Direktor der Collection de l'Art Brut, es ausdrückte: "Wenn es wahr ist, dass das Handicap die normale Evolution verlangsamt und stört, so erhellt uns diese Verlangsamung im vorliegenden Fall die ersten Etappen; sie reichen von der Entdeckung der Energie des Strichs und der Farbe bis hin zur Konstruktion einer zuerst elementaren und dann zunehmend komplexeren Figur." Persönliche Rituale prägten Pierre Kochers Alltagsleben. Ähnlich kristallisierten sich in Pilous Zeichnungen charakteristische Muster heraus, die er mit ebensoviel Hingabe wie Sicherheit zu Papier brachte, Tausende von Bildern sind es im Lauf seines Lebens geworden. Und trotz Krankheit und Schwäche hat er bis am Vortag seines Todes am 10. März 2005 gezeichnet und ist in diesen letzten Arbeiten zum Ausgangspunkt seines ebenfalls existenziell wichtigen Schaffens, zum Kopffüssier, zurückgekehrt. Mit dieser Ausstellung entdecken wir einen Künstler und folgen dessen spannender Erkundung "Vom Ei zum Menschen".
Details
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen

