Leichte Sprache

Zum dritten Mal in diesem ersten Jahr ihres Bestehens hat die Stiftung für schweizerische naive Kunst und art brut zu einer Vernissage eingeladen, zum zweiten Mal hierher ins Museum im Lagerhaus, wo sie eine Bleibe wenigstens für einige Jahre gefunden hat. Und zum ersten Mal stellt sie - nach den beiden Sammlungsausstellungen - einen einzelnen Künstler vor, zum ersten Mal publiziert sie einen monographischen Katalog, nachdem der Sammlungskatalog mehr Dokumentation und Selbstdarstellung gewesen ist.

Zum einen wollten wir als noch junge Institution auch in dieser Einzelpräsentation eines Künstlers ausgewählte und repräsentative Werkgruppen der Sammlung zeigen. Zum andern war es uns wichtig, Ulrich Bleikers Schaffen in seiner thematischen Vielfalt darzustellen und zugleich mit einer Reihe wichtiger Frühwerke seine Herkunft, seine Anfänge zu dokumentieren. Sowohl für die Sammlung als auch für die Ausstellung Bleiker gingen wir schliesslich davon aus, sowenig Einzelwerke als möglich zu zeigen, sondern Gruppen zu bilden; ganz durchhalten liess sich diese Gestaltungsmaxime nicht, zum Teil aus Platzgründen, zum Teil, weil einige wenige Künstler auch in der Sammlung bisher nur mit Einzelwerken vertreten sind. Entgegengekommen ist uns auch der Umstand, dass viele Figuren Bleikers, besonders die grossen Frauen, ausgesprochen gesellig sind. Sie bestehen durchaus für sich allein, wie verschiedene Beispiele zeigen; stellt man sie jedoch in Gruppen zusammen, so vermeint man ihr lebhaftes Schwatzen und Tratschen zu hören. Und folgt man den Blicken einzelner Figuren, so glaubt man auch zu wissen, worüber sie plaudern. Und wenn schon einige Tanzpärchen und ein Handörgeler vorhanden sind - was läge da näher als sie zu einem kleinen Sennenball zusammenzustellen, obwohl der Handörgeler natürlich stilwidrig ist und eigentlich durch eine Streichmusik ersetzt werden müsste. Nach seiner Pensionierung 1979, als die Figuren immer grösser wurden, stellte er selbst auch immer wieder Gruppen und Grüppchen zusammen, gesellte dem Bauern seinen Hund und den Stier zu, setzte den Senn auf Kuh- oder Pferderücken, gab seinen Frauen ein Kind in den Bauch oder setzte ihnen kleine Alpfahrtsszenen wie Kronen auf den Kopf. Eine weitere Eigenheit Bleikers ist die Parallelität zweier thematischer Stränge. Der eine Strang, zurückzuverfolgen bis zu seinen Anfängen, liesse sich mit einer seiner Alpfahrtsspiralen vergleichen, die sich um einen festen Mittelpunkt in die Höhe winden. Mittelpunkt sind in diesem Fall die Themenkonstanten aus dem bäuerlichen Alltag mit dem zentralen Motiv der Alpfahrt und der Viehwirtschaft; auf dem sich hochwindenden Strang wären die vielen Variationen aufzureihen, in denen Bleiker diese Themen stets von neuem aufgreift. Der zweite Strang dagegen ist in Abschnitte unterteilt, deren jeder ein bestimmtes Thema, die Bleiker nur ein- oder zweimal aufgreift, gibt es kaum; fast möchte man sagen, er arbeite in Serien, wenn dieses Wort nicht den negativen Beigeschmack des Seriellen, Standardisieren hätte. Und davon kann in diesem Werk keine Rede sein: Auch wenn Bleiker in kurzer Zeit ein halbes oder ganzes Dutzend Halbfrauen macht, auch wenn er, nachdem er ein erstes Mal Vögel geschaffen hat, das Thema dutzendfach variiert und später wieder fallen lässt, so hat doch jede einzelne Halbfrau, jeder Vogel, jede Vogelgruppe ihren eigenen Charakter, ihren eigenen Ausdruck, ihre Unverwechselbarkeit.

Bilder zur Ausstellung

Details

Typ
Einzelausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Simone Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen