Aloyse (1886–1964)
Ort: Museum im Lagerhaus (bis 1994 Vadianstrasse 57), St.Gallen
Eine aussergewöhnliche Ausstellung beherbergt die Stiftung für naive Kunst und art brut in ihrem Museum im Lagerhaus in St. Gallen vom 14. November 1992 bis 30. Januar 1993: die lyrische, wunderbar blühende Malerei von Aloyse, einer der dominanten Persönlichkeiten der art brut. Die Ausstellung ist von der Collection de l'art brut in Lausanne und von Aloyses Ärztin und Sammlerin Dr. Jacqueline Porret-Forrel im Rahmen eines schwedisch-schweizerischen Kulturaustauschs 1992/93 zusammengestellt und bereits im Konstmuseet Malmö gezeigt worden. Sie umfasst über 50, oft doppelseitige Bilder, darunter viele Hauptwerke der Künstlerin und grosse Formate bis zu einem knapp zwölf Meter langen Werk.
Aloïse Corbaz (sie selbst signierte meist mit Aloyse) wurde 1886 als Tochter eines dem Trunk verfallenen Postangestellten in Lausanne geboren. Bereits als Siebenjährige verlor sie die Mutter. Zwar schaffte sie einen höheren Schulabschluss; auf die erträumte Laufbahn als Sängerin aber musste sie trotz ihrer schönen Stimme verzichten. Als 25-Jährige kam sie als Gouvernante in die Familie des Hofpfarrers von Wilhelm II. nach Potsdam und verliebte sich leidenschaftlich in den Kaiser. Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte sie nach Lausanne zurück. Bald zeigten sich Anzeichen geistiger Verwirrung; mit der Diagnose Schizophrenie wurde sie 1918 in die Psychiatrische Klinik eingeliefert, wo sie bis zu ihrem Tod 1964 in ihrer Krankheit und Unzugänglichkeit lebte. In der Klinik entstanden auch die ersten Zeichnungen, im Geheimen zuerst, später dann offen und in teils monumentalen Formaten, die Aloyse aus gebrauchtem Packpapier zusammennähte, um dem unbändigen Strom ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Wie bei Adolf Wölfli wächst auch hier aus dem Zeichenprozess heraus eine völlig eigengesetzliche Welt, ein unerschöpflich reicher Kosmos in steter Verwandlung. Mit einer formalen und farblichen Grosszügigkeit, welche der eines Matisse durchaus vergleichbar ist, entwirft sie ein magisches Theater der Liebe, ein blühendes Universum, ein die Grenzen der Vorstellung sprengendes lyrischen Kompendium. Eine kleine Sektion zum Thema der "versteckten Elefanten" regt zu entdeckungsfreudigem Schauen auch für Kinder an, während detaillierte Beschreibungen zu jedem Bild wesentlich zur Aufschlüsselung des komplexen Symbolismus in den Bildern der grossen Künstlerin beitragen.
Details
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
"Noël-Tango - Reine Elisabeth" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Farbkreide auf Papier (auf Pavatex aufgezogen)
Inventar-NR. oam_0003970



