Rosemarie Koczy (1939–2007) – Je vous tisse un linceul
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Das Museum im Lagerhaus, St. Gallen, zeig derzeit gegen 200 Werke der in der Nähe von New York lebenden Rosemarie Koczÿ. Einziges Thema der Künstlerin ist ihr Bestreben, in ihren eigenen Arbeiten die in den Nazi-Konzentrationslagern Ermordeten "würdig zu beerdigen".
Die in 1939 bei Recklinghausen als Tochter einer deutsch-jüdischen Mutter und eines ungarisch-jüdischen Vaters geborene Rosemarie Koczÿ wurde als Dreijährige ins KZ Traunstein deportiert und später ins KZ Ottenhausen-Saarbrücken verlegt. Nach Kriegsende verbrachte sie weitere vier Jahre in einem Lager für Verschleppte, kam dann zu ihren kranken Grosseltern mütterlicherseits und nach dem Tod der Grossmutter nach Münster ins Waisenhaus. 1959 ging sie als Dienstmädchen nach Genf, verdiente sich mit Putzen dss Studium an der Ecole des Arts Décoratifs und verheiratete sich 1965 mit einem Schweizer, doch wurde die Ehe später geschieden. Während ihres Studienaufenthalts in den USA lernte sie den Komponisten Louis Pelosi kennen, den sie 1984 heiratete. Seit 1986 lebt das Paar in Croton-on-Hudson in der Nähe von New York, wo Rosemarie Koczÿ neben ihrem künstlerischen Schaffen auch in der Betagtenbetreuung tätig ist. "Ich sah, wie die Bulldozer die Toten packten und in einen Graben oder ein Loch warfen, und wie sie mit Kalk zugedeckt wurden", schreibt die Künstlerin in einem Text zu ihrer Arbeit. Mit ihren Zeichnungen, Bildern und Skulpturen wolle sie nichts anderes als diesen Toten "eine würdige und respektvolle Beerdigung zu geben". So umhüllt sie denn die ausgemergelten Gestalten auf ihren Tuschzeichnungen mit einem dichten Gewebe von Strichen - dem Leichentuch, mit dem nach jüdischer Tradition die Verstorbenen umwickelt werden. Mit Ausnahme der eigenwilligen, u.a. im Auftrag von Peggy Guggenheim geschaffenen Tapisserien ihrer ersten Schaffensjahren zieht sich ihr zentrales Thema mit obsessioneller Intensität durch das ganze Werk von Rosemarie Koczÿ, von den teilweise riesigen Pastell-Acrylmalereien bis hin zu den Tuschfeder-Zeichnungen der neueren Zeit und den zwischen Vollplastik und Relief stehenden, raumgreifenden Holzskulpturen. In den letzten Zeichnungen weitet die Künstlerin ihr Thema noch aus, indem sie gezeichnete Gewebemuster von Völkern und Stämmen einfügt, die ebenfalls Opfer schwerster Verfolgungen geworden sind. Zentral aber sind auch in diesen wie in einer Anzahl früherer Arbeiten der Künstlerin die bis aufs Skelett abgemagerten, in verkrümmten Haltungen stehenden, liegenden, kauerndern, hockenden Gestalten. Ihre Augen, manchmal geschlossen, oft weit aufgerissen, stellen über Leid, Not, Schmerz hinaus eine einzige Frage: "Wie können Menschen andern Menschen solches antun?"
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Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen


