Keine Katastrophe ohne Idylle, keine Idylle ohne Katastrophe
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Mit der Ausstellung aus dem Sammlungsbestand soll dem Begriff der ‚Kultur‘ die ‚Natur‘ und mit ihr die ‚Idylle‘ entgegengesetzt werden. Wie fragil diese ist, belegt das Titelzitat von Harald Szeemann zur Charakterisierung des Werkes von Adolf Wölfli. Das Museum im Lagerhaus zeigt Arbeiten aus allen Bereichen seiner Sammlung von Naiver Kunst, einschliesslich Bäuerlicher Naiver Kunst, und Art Brut sowie Outsider Art.
Die Ausstellung umfasst Klassiker wie auch Neuzugänge und nie gezeigte Werke der Sammlung. 35 lange Jahre ist Adolf Wölfli (1864-1930) in der psychiatrischen Anstalt Waldau bei Bern interniert. In dieser Zeit erfindet er sich und sein Leben neu und schafft ein gigantisches Werk – eine „Skt.Adolf-Riesenschöpfung“. Auf über 25‘000 Seiten entwickelt er sein Universum, eine fiktive Autobiografie, in der er auf seinen Reisen rund um die Welt ungeahnte Abenteuer übersteht und übermenschliche Heldentaten vollbringt. Stets ist es der kleine Doufi, der alle Gefahren durchlebt, aber immer gerettet wird – das Kind, der Verdingbub aus armen Verhältnissen, der seit seinem achten Lebensjahr immer wieder an eine andere Familie verlost und misshandelt wird. Nach zwei Notzuchtversuchen an Mädchen wir er mit dreissig Jahren als schizophren, unzurechnungsfähig und zudem gemeingefährlich begutachtet und bis zu seinem Tod in der Waldau weggesperrt. „All das, was ihm ‚Draussen‘ zu leben nicht vergönnt war, wird nun ‚Drinnen‘ zur Tragkonstruktion für Wöflis atemlose (…) Narrationsspirale“, schreibt Harald Szeemann, „die stets nach demselben Schuld-Sühne-Rhythmus abl(äuft): keine Idylle ohne Katastrophe, keine Katastrophe ohne Idylle“ (in: Harald Szeemann, Visionäre Schweiz, Zürich 1991). Idylle versus Katastrophe Heute verstehen wir unter dem Ausdruck Idyll ein harmonisch verklärtes ländliches Leben. Man meint damit meist einen beschaulichen und friedlichen Zustand. In der Kunst beschreibt Idyll gestellte pittoreske Landschaftsaufnahmen, die häufig Burgen, Schlösser oder einprägsame Naturobjekte zeigen. Das Landleben hat Wölfli gut gekannt, wie auch andere Künstler dieser Ausstellung. Von einer Idylle war sein Leben jedoch weit entfernt und in seiner Kunst ist kein Idyll zu finden. Friedliches ländliches Leben zeigen allenfalls Werke der Naiven Kunst: Wir suchen sie in den Bergbildern eines Konrad Zülle (1918-1988) oder eines Niklaus Wenk. Doch wirkt Zülles sorgfältig abgezählte Reihung der Kühe je nach Kuhrechten schon zu stilisiert, um uns in ein ‚natürliches‘ Idyll eintauchen zu lassen. Noch stärker ist die Stilisierung beim Bauernhof von Hans Bühler (1917-1995), der aus Zeitschriften ausgeschnittene Kuhbilder in die gemalte Natur klebt. Hier wird ländliches Idyll humorvoll geradezu ad absurdum geführt. Das Naturerleben von Niklaus Wenk (geb. 1913) beeindruckt durch die Dynamik seines Pinselstrichs und seiner schwindelerregenden Perspektiv-wechsel. Doch Wenk versteht sich auch als Chronist; er will die Realität zeigen, kein Idyll. So malt er auch die Katastrophen des Landlebens, die alltägliche Bedrohung durch Unglücksereignisse wie Lawinenniedergänge. Er benennt die harte Arbeit und schweren Lebensbedingungen der Menschen. Auf der Bildrückseite beschreibt er die „Anspruchslosen Leute“ (1994) und schliesst mit einer Widmung an den Sammler Curt Burgauer: Fixä Käthi zirka 70 Jahr / Lumpen und Knochen Sammlerin, alleinstehend. Moni Egli zirka 70 Jahre / Holtz Sammlerin sehr sprachbehindert, alleinstehend, ledig. Gustaf Schmid und Christian Wenk. G. hatte seine letzten 2 Zähne bei Ch. ziehen lassen im Letzi Tobel. Ch.W. war gerade Waldarbeiter. Der Kaminfeger hatte zirka 1 fr 50-1 fr 80 pro Feuerstelle reinigen. Anno 1920. Meinem Freund Curt. Und in den Landschaftsbildern von Hans Bühler und Johann Eugster (1918-1984) zeigen sich die gewaltigen Berge selbst dunkel und bedrohlich. Natur und Kultur. Den Begriffen von Natur und Idyll wird der Begriff der Kultur entgegengesetzt. Kultur definiert sich aus der Abgrenzung zur Natur als alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen Natur. Doch lassen sich Natur und Kultur kaum noch voneinander abgrenzen. Natur wird inzwischen vielmehr integrativ verstanden als ein offenes System, das den Menschen mit seiner Kultur einbezieht. Längst hat der Mensch massiv in die Natur eingegriffen, erkennend, gestaltend, aber auch vernichtend. Zudem wird Natur immer erst durch den Menschen erfassbar und anhand von Kulturtechniken wie Wissenschaft und Kunst anschaulich gemacht. Wir machen uns ein ‚Bild‘ der Natur, sei es das Idyll oder die Katastrophe, wie Angelus (1910-1993) sie uns vor Augen führt. Mit bürgerlichem Namen Emil Engeler, zeichnet der St. Galler vernichtende Visionen der modernen Welt. Getrieben von einer inneren Notwendigkeit gesellschaftspolitischer Aufklärung signiert er seine Werke mit „Angelus“ als Synonym für das „Es“, das Unterbewusstsein, das ihm die Bilder diktiert. In surrealistischen Darstellungen, die er mit vielfachen Symbolen geradezu mystisch auflädt, beschwört er den nahenden Weltuntergang und die Selbstzerstörung des Menschen. „Die unbändige Kraft der Natur“ (1988) beschreibt die Vergiftung des Wasser als Quell allen Lebens, und die „Frucht von der Erkenntnis“ (1985) hält der Anbetung des Lebens und der Natur Krieg und Vernichtung entgegen. Eine zweifelhafte Verbindung von Mensch und Natur zeigen die beiden Blätter von Carl Binder (1906-1985), „Blumenzart“ (1964), und Hans Steiner (1938-1995), „Ein Pilz wächst aus dem Kopf“ (1972). Zur menschlichen Natur gehört jedoch die Sehnsucht nach dem Idyll und nach Erlösung. „Ein Mann nimmt eine Hoffnung“ (undatiert) betitelt Masami Ishihara (geb. 1952) ihre Interpretation der Himmelsleiter. Hedi Zuber (1916-1996) malt wiederholt unterwürfig zur Kathedrale eilende Nonnen: Hier ist die Kirche respektive die Kultur des Glaubens Hoffnungsträger. Als „Luftschloss“ (1968) bezeichnet hingegen Erich Staub (geb. 1942) diesen Wunschtraum, dem wir alle nachgehen. Idylle und Art Brut. Naturdarstellungen finden wir ebenfalls bei den Künstlern der Art Brut – den, wie Jean Dubuffet sie verstand, von Kunst und Kultur Unberührten. Auch hier sucht man vergeblich nach einer lieblichen Naturidylle. Schon die biografischen Hintergründe von psychischer Krise oder geistiger und/oder körperlicher Behinderung und Hospitalisierung bedeuten den Bruch. Sich selbst am Rande der Gesellschaft erlebend, sind die Entwürfe und Interpretationen von Natur sehr verschieden. Mit fahrigem Strich zeichnet Kurt Nagel (geb. 1923) menschliche Figuren, Tiere und feurige Sonnen. Die Menschen reissen alle die Arme empor – vor Verzückung oder aus Furcht bleibt dabei offen. Auf wenige Formen und Farbflächen reduziert Walter Stalder (1914-1998) seine Landschaften in ungewöhnlichen Farbkombinationen von Grün und Violett mit Gelb. Nach zahlreichen Psychiatrieeinweisungen bleibt Arthur Schaffner (1922-1990) ab 1982 bis zu seinem Tod in der Klinik Königsfelden. Hier beginnt der Schweigsame zu zeichnen und zu basteln. Mit tiefem Schwarz und wenigen Weisshöhungen zeichnet er Berg und Sonne und fragt: „Haus oder Berge“? Otto Haller (1900-1975) dient die Landschaft eher als Kulisse. Wiederholt stellt er das Bürgerheim Dottenwil in Wittenbach SG dar, in das der Gehörlose mit 15 Jahren kommt, und immer wieder kirchliche Prozessionen, bei denen er die Figuren in einer Reihe hintereinander laufen lässt. Benjamin Bonjour (1917-2000) wird das Zeichnen zur Beruhigung seiner Nerven empfohlen. Einmal begonnen, zeichnet er fortan obsessiv, nutzt noch kleinste Fetzchen Papier oder Karton als Bildträger wie auch gebrauchtes Computerpapier oder die Rückseiten von Plakaten bis hin zu Weltformaten. „Nervös“ wirkt auch sein bewegter Strich. Charakteristisch für sein Werk ist ein repetierendes Aneinanderreihen gleicher Motive oder das Zusammenfügen verschiedener Blätter und Bildsituationen zu einem Werk. Kaum ein Name wird so sehr mit „schweizerischer“ Art Brut identifiziert wie der von Hans Krüsi oder der des Zementplastikers Ulrich Bleiker. Gerade diese beiden Künstler binden spezifische Elemente Schweizer Kultur in ihre Werke ein: Alpfahrten und immer wieder die Kuh. Nur scheinbar bedienen sie damit das Schweizer Naturidyll. Aufgewachsen mit der Volkskunst aus dem Appenzellerland und dem Toggenburg sind bäuerliches Leben und bäuerliche Traditionen für Ulrich Bleiker (1914-1994) nicht nur Bild-, sondern auch Lebensthemen. Sein plastisches Arbeiten mit Zement beginnt mit Verzierungen von Brunnentrögen, später entstehen eigenständige vollplastische Figuren und Szenen. Einzigartiges Merkmal seiner Tiere und auch Frauenfiguren ist, dass sie meistens schwanger sind und tatsächlich einen kleinen Fötus in sich tragen. Bleiker ist mit 18 Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen, er hat seine Mutter vor allem schwanger und stillend erlebt. Hans Krüsi (1920-1995) hat wie Wölfli ein Gesamtkunstwerk geschaffen, das sich nur schwer einordnen lässt. Er zeichnet, malt und schreibt, er fotografiert und fotokopiert, probiert alle möglichen Techniken aus, macht Tonexperimente in der Natur, baut Objekte, verarbeitet nicht nur Fund- und Abfallmaterialien, sondern recycelt ebenso seine eigenen Arbeiten oder nutzt diese für alltägliche Bedürfnisse, beispielsweise Zeichnungen als Gardinen. Er bedient sich an allem, was nicht niet- und nagelfest ist und wenn, bemalt er es. Er lebt inmitten all dieser Dinge und gestaltet seinen Wohnraum zu einem wahren Environment – der Universalkünstler Krüsi ‚macht‘ nicht Kunst, er lebt seine Kunst, sie ist sein persönliches Universum. Er ist ein Sonderling von schwacher Konstitution, das St. Galler „Original“, der Blumenverkäufer, der zu den Blumen einfach seine Zeichnungen anbietet, spät entdeckt wird und zum „Genie von der Strasse“ (Schweizer Illustrierte, 10.2.1986) avanciert. In seiner sozialen Vereinsamung sind es vor allem die Tiere, die ihm nahestehen: Vögel, Katzen, der als „dumm“ verlachte Esel, mit dem er sich selbst identifiziert, und immer wieder die Kuh. Sie ist Krüsis wichtigstes Tier. Seine Kindheit verbringt er in Speicher im Appenzellerland, er ist mit Viehwirtschaft vertraut und Natur spielt für ihn eine bedeutende Rolle. Die Kühe begleiten ihn sein Leben lang: gezeichnet, gemalt, in meterlangen Kuhstreifen für seine konstruierten „Kuhmaschinen“ angelegt. In spielerischen Experimenten variiert er Kuhporträts und speziell die gefalteten dünnen Papierservietten bieten ihm im Durchdruckverfahren hierfür viele Möglichkeiten. Der Outsider-Künstler François Burland (geb. 1958) hegt grosse Bewunderung für die Traditionen der Volkskunst. Seine Hommage zeigt eine höchst eigenwillige „Poya“ (2006) mit ironischen Verweisen auf den ‚Meister‘ des Werkes, aber auch Reminiszenzen an das Museum im Lagerhaus. Ein Outsider der Kunst und Autodidakt ist ebenso Werner Baptista (geb. 1946), der heute als freischaffender Künstler zwischen Zürich und Paris pendelt. Sein Werk hängt in der Ausstellung dem Wölflis gegenüber. Wölflis Blatt „Das Grossgross=Kaiser=Reich Widderwald in Japan“ (1920) steht stellvertretend als pars pro toto für sein Gesamtwerk. Seiner Neudefinierung des Selbst mit und durch die fiktiv-autobiografische Kunst steht Baptistas Zeichnung eines vielköpfigen Dämons entgegen: „Jedem sein eigenes Märchen“ (1986) – oder Alptraum. Für den Verdingbub Doufi verband sich Natur mit harter Arbeit und Ausbeutung. Hinter Anstaltsmauern weggesperrt entdeckt Wölfli für sich die Kultur, schreibt, zeichnet, komponiert und füllt riesige Folianten. Er weiss, Idylle ist der erste Schritt in die Katastrophe; Zorn ist nicht von ungefähr die höchste Zahl (!) für ihn. Aber, so Harald Szeemann, „wie alles Höchste anfällig für Spott und Hohn und Resignation: Keine Katastrophe ohne Idylle, keine Idylle ohne Katastrophe
Details
"Hinterwies nach Lütispitz" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0021247
Ohne Titel
Beim Pflügen (Beschreibender Titel)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0021244
Ohne Titel
Häsin mit Blumen (Beschreibender Titel)
Acryl auf Papier
Inventar-NR. oam_0021265
"Die unbändige Kaft der Natur" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Mischtechnik auf Papier (Bleistift, Farbstift, Tinte)
Inventar-NR. oam_0000283
Ohne Titel
Grosser Bauernhof (Beschreibender Titel)
Mischtechnik auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0002780
Poya (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Mischtechnik (Bleistift, weisse Kreide (Neocolor) auf Futtermittelsäcke)
Inventar-NR. oam_0002797
"Anspruchslose Leute" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0021231
Ohne Titel
Dorf (Beschreibender Titel)
Mischtechnik auf Karton
Inventar-NR. oam_0021717
Ohne Titel
Grosse Alpfahrt mit Churfirsten (Beschreibender Titel)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0021802
"Haus der Berge" (Überlieferter Titel)
Kreide und Tusche auf Papier
Inventar-NR. oam_0019207
Ohne Titel
Landschaft mit Haus und Weg (Beschreibender Titel)
Filzstift auf Papier
Inventar-NR. oam_0019628
Ohne Titel
Kloster St. Gallen (Beschreibender Titel)
Mischtechnik auf Karton
Inventar-NR. oam_0021724
"Das Grossgross=Kaiser=Reich Widderwald in Japan" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Bleistift und Farbstift auf Papier
Inventar-NR. oam_0021459
"Ich bin die Frucht von Erkenntnis" (Überlieferter Titel)
Mischtechnik auf Papier (Bleistift, Tinte, Farbstift)
Inventar-NR. oam_0000281
Riederfurka (Überlieferter Titel)
Mischtechnik auf Holz
Inventar-NR. oam_0002779
"Luftschloss" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0019961
"Jedem sein eigenes Märchen" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Tusche und Deckweiss auf Papier (auf Packpapier aufgezogen)
Inventar-NR. oam_0000626
Ohne Titel
Trächtige Kuh mit grossem Kalb im Bauch (mit Cachepot aus Blech als Schelle) (Beschreibender Titel)
Zement armiert und bemalt
Inventar-NR. oam_0001308
Ohne Titel
Liegende gebärende Kuh (Beschreibender Titel)
Zement armiert und bemalt
Inventar-NR. oam_0001317
Ohne Titel
Bauer mit Stier (Beschreibender Titel)
Zement armiert und bemalt (Fundmaterialien)
Inventar-NR. oam_0001312
"Eiger, Mönch, Jungfrau" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Öl auf Pavatex
Inventar-NR. oam_0012594
Ohne Titel
Pferd mit reitendem Paar (Beschreibender Titel)
Zement armiert und bemalt
Inventar-NR. oam_0001319
Ohne Titel
Tusche/Deckweiss auf Papier (auf Packpapier geklebt)
Inventar-NR. oam_0000624
"Kuhmaschine" (Titel gemäss Aufschrift / Inschrift)
Mischtechnik (Holz, Karton)
Inventar-NR. oam_0017328
Ohne Titel
Grüne Vögel und Figuren (Beschreibender Titel)
Öl auf Pergamentpapier
Inventar-NR. oam_0017337
Bürgerheim Dottenwil, Wittenbach (Überlieferter Titel)
Aquarell auf Papier (auf Geschenkpapier aufgezogen)
Inventar-NR. oam_0015571





