Zuhause auf der Strasse
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Wenige leben heute direkt auf der Strasse. Hilfsorganisationen vermitteln Übernachtungsmöglichkeiten oder Wohnungen; sie sind Anlaufstelle für eine rudimentäre Versorgung, bieten Raum und menschliche Unterstützung, Beratung sowie spezielle Suchtprogramme. Dennoch bleibt für manche die Strasse das Zuhause. Dort trifft sich die Szene und unterwegs zu sein bestimmt das Lebensgefühl.
Ahmed (Zürich) malt den „Pfuusbus“, der jeden Winter Schlafstellen und Essen bereit hält. In einem Haus der Pfarrer Sieber-Werke in Zürich wohnt auch Nina Wild. Unter den Kleiderspenden wählt sie ihr Material. Indem sie Shirts, Pullover, Jacken bemalt oder mit Objekten versieht, kreiert sie eine höchst eigenwillige Mode. Mit Aufschriften und provokanten Bildern verweist sie zudem auf existentielle Bedürfnisse. Der mobile Fotoapparat ist ein geeignetes Medium, Lebenswege zu dokumentieren. Nina Wild fotografiert jede Unterkunft. Bobby Moor (St.Gallen) ist mit der Handykamera unterwegs, sich selbst zu erkunden. Jan-Piet Graf (St.Gallen) hingegen trägt kleine Skizzenblöcke mit sich, in die er zeichnet und Erlebnisse notiert. Im Zentrum steht das Werk von Beate Stanislau (Zürich). Sie ist in der DDR aufgewachsen, hatte ein Studium für bildende und angewandte Kunst begonnen sowie Literatur studiert. Noch vor der Wende kommt sie 1989 nach Westdeutschland, später in die Schweiz. Seit 1994 ist Beate Stanislau wohnungslos und hier und da lebendend. Gleichwohl hat sie ein umfangreiches bildkünstlerisches wie literarisches Werk geschaffen. Eine Wohnung in Deutschland bot Raum für grossformatige Gemälde oder bemalte Objekte. Unterwegs aber auf der Strasse zeichnet sie vorwiegend mit Filzstift und schreibt lyrische Texte in deutscher und englischer Sprache. Die St.Galler Fotografin Franziska Messner-Rast, die namhafte internationale Künstler porträtierte, aber auch für die Gassenküche fotografierte, hat Beate Stanislau einen Tag lang mit der Kamera begleitet. Ihre Fotodokumentation sowie Porträts von Jan-Piet Graf ergänzen die Ausstellung. Anstelle einer Dokumentation sind zudem Gemälde von James Holenweger (1947-1994) integriert, die drastisch-realistisch die St.Galler Drogen- und Strassenszene um 1990 schildern. Die Ausstellung ist ein Experiment. Der Kontakt zu den KünstlerInnen ist den Hilfsorganisationen zu verdanken, die bei der Vermittlung unseres Anliegens halfen. Wir danken ausdrücklich allen KünstlerInnen für die Zusammenarbeit sowie all denen, die uns bei diesem Ausstellungsprojekt unterstützen, insbesondere der Stiftung Suchthilfe St.Gallen in Kooperation mit der Gassenküche und den Medizinisch-sozialen Hilfsstellen, der SOS-Beratung des Schweizerischen Roten Kreuz ZH und den Sozialwerken Pfarrer Sieber in Zürich.




