Begegnungen
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Ungewöhnliche Konfrontationen und Begegnungen mit bislang unbekannten Werken bietet die zweite Präsentation der Reihe „Verborgene Schätze aus Schweizer Psychiatrien“. Die Ausstellung fokussiert die Rollen von Künstler und Patient, darüber hinaus lässt die Begegnung mit dem Betrachter viele Perspektiven eröffnen
Noch nie zu sehen war das Konvolut von rund 200 Zeichnungen des Theaterkritikers und Schriftstellers Julius Süss (alias Hans Volkmar, 1897-1970), das 1937-1938 in der Heil- und Pflegeanstalt Rosegg (SO) entstanden ist. In seinen Zeichnungen bezieht sich Süss meist auf Klassiker der Literatur und Opernwelt wie auf das „Welttheater“: Ironische Gottesverwandlungen und Bilder des „Irren“ setzt er auf Papier. Nahezu unbekannt ist auch das umfangreiche Werk von Gertrud Schwyzer (1896-1970) aus der Appenzell-Ausserrhodischen Heil- und Pflegeanstalt Herisau, von dem erst einmal wenige Blätter ausgestellt waren. Sie porträtiert sich selbst sowie ihre Mitpatientinnen in der Nähstube, am Tisch sitzend, ruhig, versunken, aber isoliert. Einbezogen sind ebenso die Dinge, die ihr gehören, gleichsam als erweitertes Ich: Wäsche, Kleider, Kittelschürzen, Malkasten, Garnrolle und immer wieder ihre Schuhe. Hans Brühlmann (1878-1911), dessen Todestag sich zum hundertsten Mal jährt, gilt als bedeutender Ostschweizer Maler. Übergangen hat man allerdings seine „kranken Bilder“, die er 1910 im Kantonalen Asyl Wil (SG) malt. Verzweiflung formulieren die „Gefangenenbildern“, während er in Darstellungen exzessiver Liebesspiele tiefe Einsamkeit wie unbändige Lust auslotet. Frei und tabulos überschreitet Brühlmann in diesen Gemälden die Grenzen seiner eigenen Kunst. Berühmt ist der „Nagelkünstler“ Günther Uecker (geb. 1930). Mit dem Projekt „Littenheid“ fand er erstmals zum Aquarell. 1980 geht Uecker mit einer Gruppe Studierender der Düsseldorfer Akademie in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Littenheid (TG). Diese Wochen sind geprägt von den Begegnungen mit den PatientInnen. Aus der Erschütterung heraus sucht Uecker einen festen Standort in der Landschaft, zeichnet und aquarelliert sie aus dem Bedürfnis nach Balance und Gleichmut - die Landschaft wird zum Widerpart des Menschen. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von: Matthias Frehner (Direktor Kunstmuseum Bern), Hans Geigenmüller (ehem. Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Littenheid), Monika Jagfeld (Direktorin Museum im Lagerhaus), Anna Lehninger (Kunsthistorikerin, Zürich).






