Leichte Sprache

Das Museum im Lagerhaus, St. Gallen, zeigt John Elsas und Heinrich Hoffmann sowie eine Gedenkausstellung für Reni Blum. Woran liegt es wohl, dass die Aquarelle und Collagen von John Elsas (1851-1935) gerade heute, siebzig bis achtzig Jahre nach ihrem Entstehen, allenthalben in Bann ziehen? Dabei schien nichts den Frankfurter Börsianer John Elsas für eine künstlerische Laufbahn zu prädestinieren. Als Grossvater hatte er 1915 begonnen, seinem damals zweijährigen älteren Enkel Briefe zu schreiben und in Versen ganze Geschichten zu erzählen. Diese begleitete er mit kindlich kleinfigurigen Zeichnungen, freilich ohne den geringsten Anspruch von Kunst. Die Bildmotive entnahm Elsas gelegentlich dem "Struwwelpeter", den der Nervenarzt Heinrich Hoffmann 1845 seinerseits für seinen damals dreijährigen Sohn geschrieben und gezeichnet hatte.

Der Struwwelpeter ist seit seinem Erscheinen im Verlaufe von bald 160 Jahren millionenfach gedruckt und in 30 Sprachen übersetzt worden, Struwwelpeter und die weiteren Figuren des Buchs haben zu über 1000 Titeln Struwwelpetriaden - Nachahmungen, Parodien und Antistruwwelpetriaden - angeregt und wenden sich unverblümt mit gesellschaftlichen, politischen und weiteren Themen auch an Erwachsene. Kurzum - Struwwelpeter bewirkt gestern wie heute soviel wie selten ein anderes Buch. Was der ewige Lausbub bei John Elsas noch im Alter ausgelöst hat, reicht ebenfalls in den Bereich des Unglaublichen. Rund 500 solcher Briefe erhielten die beiden Enkel bis 1925, fast 25'000 Zeichnungen, Collagen und Aquarelle sind im Verlaufe der letzten zehn Jahre seines Lebens entstanden, davon ungefähr die Hälfte von Knittelversen begleitet. Häufig Warngeschichten auch dies, satirisch, kritisch, philosophisch bis poetisch, zudem im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs hellseherisch und mutig politisch. Der inhaltlichen Ausweitung entspricht eine erstaunliche künstlerische Entwicklung. Die anfänglich ungelenken Zeichnungen sind einer unerschöpflichen Experimentierlust in der Collage gewichen und fanden im Aquarell eine quirlige Freiheit. Inhaltliche Vielseitigkeit, phantasievolle Bildwerdung und starke formale Konzentration prägen dieses erstaunliche Werk, wovon rund 18'000 Arbeiten 1999 als Schenkung von Herbert Raff (1917-2000), dem jüngeren der beiden Enkel, ins Museum im Lagerhaus gelangt sind. Aus diesem Bestand wurden bereits mehrere Ausstellungen eingerichtet, so in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt a.M., im Jüdischen Museum Berlin, im Aktiven Museum Spiegelgasse in Wiesbaden; für 2005 stehen Taunusstein, Heidelberg und Düsseldorf bevor, und weitere Stationen sind im Gespräch. Eine besonders wertvolle Zusammenarbeit hat sich mit Marion Herzog-Hoinkis ergeben, der Konservatorin des Struwwelpeter-Museums in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt a.M., die bereits die Ausstellung mit Thema "Heinrich Hoffmann trifft John Elsas", gestaltet hatte, begleitet von einem schönen Katalogbuch, dem noch das Inselbändchen "Meine Bilder werden immer wilder" gefolgt ist. Gedenkausstellung für Reni Blum Die zweite Ausstellung, die gleichzeitig eröffnet wird, ist der Aussenseiter-Malerin Reni Blum (1934-2003) gewidmet. Zu den sich bereits in der Museumssammlung befindenden Bildern der Künstlerin ist jetzt ein bedeutendes Konvolut aus dem Nachlass als Legat hinzugekommen. Reni Blum hat den grössten Teil ihres Lebens in psychiatrischen Kliniken gelebt, doch entstammt ihr Werk weder der Art Brut noch der Maltherapie. Es sind eigenständige Bilder von hoher Empfindsamkeit, temperamentvoll gemalt, expressiv, farb-sinnlich und farb-dynamisch, zugleich häufig von verschlüsselter Symbolik.

Bilder zur Ausstellung

Details

Typ
Wanderausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Simone Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen