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Im Jahr 2003 wurde der spanische Aussenseiter-Künstler Ignacio Carles-Tolrä durch eine Zeitungsnotiz aufgeschreckt: 138 Todesurteile seien im US-Bundesstaat Texas zwischen 1995 und 2000 gefällt worden - in den Jahren mithin, in denen der heutige US-Präsident George W. Bush texanischer Gouverneur war. In seiner "Série Bush" hat Carles-Tolrà diese Verurteilungen zum Thema gemacht - in 138 Bildern, die nun im Museum im Lagerhaus in St. Gallen gezeigt werden.

Carles-Tolrà, 1928 in Barcelona geboren und dort aufgewachsen, hatte während der Franco-Diktatur Spanien verlassen und war schliesslich 1960 nach Genf gekommen, wo er beim IKRK eine Anstellung fand. 1964 begann er vor allem nachts zu zeichnen und zu malen - Bilder, die ihm halfen, all das zu verarbeiten, was ihn in seiner Arbeit beschäftigte und bedrängte und seine dadurch ausgelösten Aggressionen zu überwinden. Das künstlerische Werk, das seither entstanden ist, ist überaus vielschichtig. Groteske Züge finden sich ebenso wie hintergründig witzige Arbeiten; daneben aber entstehen immer wieder Blätter, in denen er sich mit Zeiterscheinungen sowie politischen und gesellschaftlichen Fragen auseinandersetzt. Hochdekorierte Uniformenträger werden zu Zielen seines Spotts; der moderne Mensch hat in seinen Bildern weder Ohren noch Augen, sondern nur noch Antennen, über die er ferngesteuert wird. 1994 ist Ignacio Carles-Tolrà nach Spanien zurückgekehrt und lebt heute mit seiner philippinischen Frau Maria Victoria in Santander. Hier besucht er regelmässig Gefangene, bringt ihnen Schokolade und Zigaretten; seine Frau betreut Menschen in Altersheimen. Daneben entstehen weiterhin Zeichnungen und Malereien; er lässt seine Vögel fliegen, seine Stiere tanzen, wandelt seine skurrilen menschlichen Figuren in unzähligen Varianten ab. Durch einige seiner letzten Bilder fliegen Maschinen der "Airline Bush"; doch sie transportieren keine Passagiere, sondern Bomben, die sie über Menschenland abwerfen. Und jene Zeitungsmeldung aus dem Jahre 2003 hat eine ganze Bilderfolge ausgelöst, die "Série Bush". In 138 Blätter hat Carles-Tolrà seinen Schock über die 138 Todesurteile während Bushs Gouverneurszeit verarbeitet, hat jedem Verurteilten ein Bild gewidmet, bisweilen auch kurze Textfetzen eingefügt, die sich etwa auf die Hautfarbe des Gefangenen beziehen. Im Zentrum steht je eine der menschenähnlichen Gestalten, die im Schaffen dieses Künstlers so oft vorkommen, grotesk verzerrt in ihren Proportionen, zeichenhaft plakativ. Die Figuren sind von 1-138 nummeriert, stellvertretend für die Häftlingsnummern, mit denen die Verurteilten gekennzeichnet wurden. Und nicht selten findet sich das grosse Malzeichen, mit denen die Gräber der Hingerichteten markiert wurden - ausgelöscht, durchgestrichen, aus dem Gedächtnis getilgt. Blutrot ist der Hintergrund aller 138 Bilder - und blutrot ist auch der Raum im Museum im Lagerhaus geworden, in dem sie hängen: Eins neben und über dem andern, dicht an dicht ohne Zwischenraum. Ein Zimmer voll Blut, voll Tod, ein einziger Aufschrei gegen die Todesstrafe. Bis zum 9. Juli ist diese Ausstellung zu sehen, bis 17. April noch begleitet von der Doppelausstellung Philippe Saxer "Eine zutiefst existenzielle Kunst" und Pierre Kocher, genannt Pilou "Vom El zum Menschen", ab 30. April dann von der Retrospektive François Burland "Im Reich von Mythos und Magie".

Details

Typ
Einzelausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Simone Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen