Geburtstage, Ausflüge – lauter Festtage; Irene Zürcher (geb. 1941) und Martin Kottmann (1935–2004)
Ort: Museum im Lagerhaus, St. Gallen
Zwei Menschen mit geistiger Behinderung und ihr künstlerisches Schaffen stehen im Zentrum einer Ausstellung Im Museum im Lagerhaus St. Gallen. Zu diesen zentralen Werkgruppen gesellen sich einige weitere, auch sie durchwegs von geistig Behinderten geschaffen. Nicht zum erstenmal stellt das Museum im Lagerhaus das künstlerische Schaffen von Menschen mit einer geistigen Behinderung vor. "Langsamer auf der Autobahn des Lebens" war im Frühjahr 2004 eine Ausstellung überschrieben, die sich ausschliesslich diesem Thema widmete; sie war so erfolgreich, dass sie verlängert werden musste.
Nun wird das Thema erneut aufgegriffen, diesmal mit Bildern der 1941 in Zürich geborenen Irrène Zürcher und mit mosaikartigen Collagen des Luzerners Martin Kottmann (1935-2004). "Geburtstage, Ausflüge - lauter Festtage" ist die vom 20. November 2006 - 4. Februar 2007 dauernde Ausstellung überschrieben - ein Hinweis auf die zentrale Thematik der beiden Kunstschaffenden. Geburtstage waren die Spezialität Martin Kottmanns. Begegnete er jemandem, den er noch nicht kannte, fragte er jeweils bald nach dem Geburtsdatum; sobald er dieses erfahren hatte, fügte er umgehend den zugehörigen Wochentag bei. Auch seine aus Papier und bunten, golden oder silber überzogenen Kartonschnitzein geklebten, manchmal mit gezeichneten oder gemalten Einzelheiten vervollständigten Mosaikbilder sind in der Regel Geburtstagsbilder, die er vor allem in den letzten Monaten und Jahren seines Lebens "auf Vorrat" angefertigt hat: Er sparte weisse Flächen aus, in die er bei Gelegenheit Namen und Geburtstag eines Bekannten sowie Glückwünsche zum Fest hineinschrieb. Kottmanns Bilder zeugen von einer ausgeprägten Ordnungssinn. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die Bildfläche ist in symmetrisch angeordnete Felder eingeteilt, in die, wiederum symmetrisch, dekorative Motive, bisweilen auch einzelne Figuren eingefügt werden. Manchmal weichen einzelne Elemente von der strengen Komposition ab, doch geschieht dies wohl eher zufällig, zum Teil auch bedingt durch die körperliche Behinderung. Kottmann hatte weder Finger noch Zehen; er war mit dem Apert-Syndrom zur Welt gekommen, einer durch vorzeitige Teilverhärtungen der Schädelknochen verursachten Fehlbildung des Kopfes, die von Verwachsungen an Händen und Füssen sowie einer geistigen Beeinträchtigung begleitet war. Nach dem Besuch einer Sonderschule arbeitete Martin Kottmann in der Bäckerei seines Vaters, nach dessen Tod kam er in verschiedene Altersheime, zuletzt ins Heim Breiten in Willisau, wo ihn die Klosterschwester Annerose Schöneberger mütterlich betreute. Hier arbeitete er als Sakristan der Hauskapelle, als Türschliesser sowie als Helfer in Küche und Speisesaal. Auch in diesen Beschäftigungen kamen ihm seine Neigung zu Zahlen und sein Ordnungssinn zustatten. Ordnung herrscht ebenfalls in den farbigen Zeichnungen von Irène Zürcher. Sie konnte trotz einer pränatalen Hirnschädigung, die später zu Epilepsie führte, die Primarschule besuchen und zwei Instrumente spielen lemen. In der Pubertät jedoch traten schwere Psychosen auf, die ihre Persönlichkeit stark veränderten und ihr das Erlernen eines Berufes verunmöglichten. Nach dem frühen Tod des Vaters half sie der Mutter im Haushalt und beschäftigte sich mit Malen und Handarbeiten; gleichwohl musste sie als 3ojährige in die Epilepsieklinik eintreten. Malen und Gestalten wurden Irène Zürcher nun zum persönlichen Ausdrucksmittel: Ausfahrten mit ihrer Schwester, Ausflüge mit Patientengruppen, Chilbi und Jahrmarkt, die Fasnacht, Weihnachten schildert sie in leuchtenden Farben und einer eigenwilligen, nur ihr gehörenden Bildsprache. Menschen und Tiere, Fahrzeuge, aber auch Blumen und Pflanzen erscheinen als statische Gefüge von blockartigen, an den Ecken meist abgerundeten Formen, die häufig in Reihen und Bändern angeordnet sind. In vielen ihrer Arbeiten finden sich Textfelder mit ihrem eigenen und dem Namen Ihrer älteren Schwester Ursula, mit Bildtiteln und Bilddatum; gelegentlich werden die Texte auch zu knappen Beschreibungen erweitert. Fast immer aber sind es besondere Anlässe, die Irene Zürcher in ihren Bildern festhält - eben: lauter Festtage. Heute allerdings kann die seit elf Jahren in der Martin-Stiftung in Erlenbach ZH lebende Frau nicht mehr malen, da sie seit einem 1999 erlittenen schweren Hirschlag rechtsseitig gelähmt ist. Kleinere Werkgruppen anderer Menschen mit einer geistigen Behinderung ergänzen die bis 4. Februar 2007 dauernde Ausstellung im Museum im Lagerhaus, die von Dienstag bis Freitag jeweils von 14-18 Uhr, Samstag und Sonntag 12-17 Uhr geöffnet ist.
Details
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen


