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Vier Objektkünstler stehen im Zentrum einer Ausstellung im Museum im Lagerhaus in St. Gallen: Max Goldinger, „Instrumentenbauer", Philosoph und Lyriker, der Strassenkehrer und Künstier Gottfried Röthlisberger, Paul Schlotterbeck, der sich seine eigenen Waffen schuf, und Karl Uelliger mit seinen „Schüürrlilüt".

Aussensaiter" nannte der Thurgauer Max Goldinger (1908-1988) eines seiner Musikinstrumente, die er aus Gitterharassen, Drähten, Nägeln, grossen Ringschrauben, Nylonfäden und anderen Fundmaterialien schuf. Als „Aussensaiter und Querulant" bezeichnete er sich selbst. Von seinem Leben ist fast nichts bekannt. Er soll Redaktor in Frankreich gewesen und wegen das Kriegsausbruchs in die Schweiz zurückgekehrt sein, hat einige Zeit bei Murten gelebt und die letzten Lebensjahre zunächst in Goldach, schliesslich in einem Altersheim in Trogen zugebracht. Ein Musikinstrument zu spielen war ihm verwehrt geblieben, Musiknoten kannte er nicht. Und seine Saiteninstrumente lassen sich weder stimmen noch wirklich spielen. Sie wirken zerbrechlich, obwohl sie mit Hilfe von Klebbändern, Nägeln, Schnüren und Schrauben recht solide zusammengebaut sind, und strahlen eine seltsame Poesie der Zwecklosigkeit aus. Gottfried Röthlisbergers Arbeiten sind robuster, oft auch massiver; wolite man hier von Poesie reden, wäre es die Poesie des Alitäglichen, Unscheinbaren, die er manchmal fast unverändert übernimmt, häufiger zu Assemblagen in oft ungewöhnlichen Kombinationen zusammenfügt. Röthlisberger, 1915 im bemischen Hasle-Rüegsau geboren, 1986 in Koblenz AG gestorben, war gelernter Bäcker, übte jedoch alle möglichen Berufe aus und arbeitete zuletzt als Stadtgärtner und Strassenkehrer. Wichtige Anregungen erhielt er durch die Begegnung mit zeitgenössischen Kunstwerken, das Material fand er buchstäblich auf der Strasse - ausgemusterte Rohre, verrostete Werkzeuge und Maschinenteile, ein Stück Gartenzaun, einen verwitterten Fensteriaden mit herziörmigem Ausschnitt und vieles mehr. Er suchte und fand Kontakt zu andern Kunstschaffenden und nahm seit den fünfziger Jahren regelmässig an den Jahresausstellungen der Solothurer Künstler teil. 1978 richtete ihm der Kunstverein Solothurn eine Einzelausstellung aus, zehn Jahre später würdigte das Kunstmuseum Solothurn sein Schaffen mit einer grossen Gedenkausstellung. Abfallmaterialien hatten es auch Karl Uelliger angetan. Der 1914 in Saanen als Armleutekind Geborene wuchs eine Zeitlang ais Verdingkind auf, begann eine Bäckeriehre, arbeitete als Taglöhner und Fabrikarbeiter. Früh schon begann er zu malen, doch erst nach seiner Heirat 1950 wurde es ihm möglich, sich intensiver mit der Malerei auseinanderzusetzen. Im toggenburgischen Dicken, wo das Paar 1968 ein altes Bauernhaus erworben hatte, starb Uelliger 1993 - als Künstier, um den sich eine eigentliche Gemeinde gebildet hatte. Hatte er anfänglich Landschaften und Bilder aus dem ländlichen Alltag geschaffen, so liess er bald seine eigene innere Welt in poesievollen, oft versponnenen Malereien, Hinterglasarbeiten, Holzschnitten, Skulpturen, Zeichnungen und einer Reihe von Bilderbüchem Bild werden, begleitet zumeist von fantasievollen, wortschöpferischen Titeln. Seine „Schüürlilüt" jedoch hielt er zeitiebens unter Verschluss: nur einmal, in einer seiner letzten Ausstellungen, zeigte er ein zwei dieser skurrilen Gestalten. Sonst blieben sie im Dachstock einer zum Haus gehörenden Scheune verborgen - mag sein, dass sie manchmal zu mitternächtlicher Stunde lebendig wurden. Der „Milchpanscher" und „Die Dorfschöne", der „Oski-Kioak" aus einem ausgedienten Postkartenständer und das zum „Fensterlen" geöffnete Fenster - Figuren alles aus ausgedienten Alltagsgegenständen, die für die Metall- oder die Kehrichtabfuhr bereitgestellt worden waren. Paul Schlotterbeck, 1920 in Herisau geboren und 1998 ebendort gestorben, war gehörlos sowie geistig und körperlich behindert. Mit 28 Jahren kam er in die Kantonale Psychiatrische Klinik Herisau, in den 1960er Jahren begann er dort, Objekte aus Karton, hölzernen Gemüsegittern, Schnüren, Klebbändern und allerhand andern Fundmaterialien zu gestalten - Flugzeuge vor allem, Schiffe, Helikopter, Panzer, Gewehre, Pistolen und anderes Gerät, das ihm helfen sollte, sich vor den Inn verfolgenden Phantomgestalten zu schützen. im Herisauer Altersheim, wo er die letzten Lebensjahre verbrachte, baute er in der ersten Zeit Häuser aus den gleichen Materialien, kehrte später jedoch zur Produktion von Verteidigungsgeräten zurück.

Bilder zur Ausstellung

Details

Typ
Gruppenausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Simone Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen