Leichte Sprache

Feuer-Welten, da mögen wir an das atemberaubende Spektakel denken, wie Hannes vo Wald es kürzlich an der Museumsnacht für die vielen hundert Zuschauer*innen vor dem Museum im Lagerhaus geboten hat. Das war draussen. Jetzt aber finden die Feuer-Welten hier drinnen statt. Mit den Vulkan-Ausbrüchen von René Boss und von Masami Ishihara, der das Thema immer und immer wieder aufnimmt. Nicht nur Aussenseiter-Kunstschaffende widmen sich dem Thema „Vulkan". Ein Ausbruch des Aetna bei Max Oertli einen gewaltigen Kreativitätsschub ausgelöst hat.

Das Gewitter entlädt sich in Emil Ehrbars Szene und lässt das kleinformatige Bild viel grösser werden. Auch der Toggenburger Niklaus Wenk hat solche Naturschauspiele gemalt. WIr ergänzen mit Benjamin Bonjours Abendglühn. Bonjour war an seinem Wohnort Bex rundum von Bergen umgeben. Da ereignete sich die Licht-Magie nicht „nur" in der Natur, sie zündete auch Bonjours Himmel an, sie brachte seine Bäume zum Lodern, verwandelte seine Gebirge in expressionistische Monumente, liess gar reine Licht-Architekturen zu Kathedralen werden. Dem Licht-Zauber konnten auch Denise de Murat, Jakob Rümbeli und Masami Ishihara in ihren Nacht- und Abendhimmeln nicht entgehen. Dem Licht als optischem Phänomen eigenen aber noch ganz andere Qualitäten. Pietro Angelozzi schildert in bunten Farben und Worten, in zeitlich nacheinander, aber bildlich neben-, über- und untereinander laufenden Szenen und einer Perspektive, die uns schlagartig verstummen lässt, die gottgesandten Visionen, die er der ganzen Welt kundtun muss. Angriffige Schweifsterne und explodierende, Lichtschlangen gebärende Feuerwolken werden zu unentrinnbaren Botschaftern göttlicher Kraft. Gleich zwei Künstler unserer Ausstellung liessen sich von Michelangelos Jüngstem Gericht" inspirieren, Bertram Schoch, genannt Bertram, und Julius Wagner. Bertram greift den richtenden Christus heraus, monumentalisiert inn, nennt ihn "Le furieux", den, der über unsere lasterhafte Welt in görlichen Zom gerät. Der schöne, muskulöse Jüngling von Michelangelo ist bei Bertram zum stämmigen Giganten mit roter Kupferhaar und wildern Bart geworden, nackt und glänzend, ohne schwungvoll drapiertes Tuch, das den Weltenrichter nur stören würde. Monumental und dramatisch ist auch dieses Werk Bertrams, der sich für eine „Kunst des Wahren, Guten und Schönen" einsetzte, in wörtlichem Sinne "mit Feuer und Flamme", schuf er seine Reliefbilder doch auf offenem Feuer, auf dem er das Kupfer schmiedete und noch heiss mit Emailfarbe übergoss. So erfand er nach seinen Worten das Feuer-Email. Eine völlig andere Auffassung spricht aus Julius Wagners Oel-Gemälde. Wagner hat sich nicht wie Bertram auf einen Ausschnitt konzentriert, sondern sich gleich das ganze „Jüngste Gericht" von Michelangelo vorgenommen, das er als schönstes Kunstwerk der Menschheitsgeschichte bewunderte. In einem Brief an die Direktion des Kunstmuseums St. Gallen schreibt Wagner, er habe jahrelang an seinem Bilde gemalt, und in einem Brief an den Katholischen Pfarrer von St. Gallen Heiligkreuz erinnerte er an einen Ausspruch Michelangelos, sein Bild könne niemand nachmalen. Im gleichen Brief erfahren wir, dass Julius Wagner sich auch selber in sein Bild eingebracht hat: "unter der Hig Agatha, die gerädert wurde, bin ich, wo ich eben einen Verdammten zur Hölle gestossen habe". Doch nicht nur den Künstler persönlich finden wir in seinem Meisterwerk. Ein Blick in die Hölle offenbart uns Hitler mit dessen Gefährtin Eva Braun, neben Stalin und weiteren zwei, welche bestimmt ebenfalls aus der Weltgeschichte in den ihnen gebührenden Strafraum geraten sind. Zeitkritisch äussern sich Reni Blum und, besonders scharf, Antonio Odesti mit dem Katastrophenbild „Tscherobyl / Basel" und Christoph Eggli mit lebensphilosophischen Fragen und einer brennenden Erinnerung an die Zürcher Unruhen, bei denen er im Rollstuhl an vorderster Front teilgenommen hatte. In den Skulpturen von Linda Naeff und von Werner Baptista ist der Lebenskampf symbolisiert. Jakob Greuters „Kehrichtverbrennungsanlage" hat mit seinem Beruf als Arbeiter bei der Kehrichtabfuhr ebenso zu tun wie mit unserer immer noch zunehmend Abfall produzierenden Gesellschaft. Ist Edmond Engels „L'rascible" wohl deshalb so zornig? Das Thema Zorn gehört natürlich auch zu den Feuer-Welten, und Engel komprimiert eine gebalite Ladung davon in seinem düstern Porträt des Jähzornigen. Wie anders zeigt sich dagegen die Leidenschaft in Hans Krüsis frühem Selbstporträt. Entstanden ganz zu Beginn seines künstlerischen Schaftens, lodern die Energien sichtbar feurig in seinem Innern. Es hat uns gereizt, nach Feuer-Welten in der Sammlung des Museums im Lagerhaus zu suchen und eine Auswahl davon zu einer thematischen Ausstellung zu gruppieren. Ganz im Sinne von Jean Dubuffet, der von der Art Brut sagte, ihre Werke seien bei hoher Temperatur entstanden. Naturereignisse, Biblisches, Philosophisches, Zeitkritisches gehört zu den Feuer-Welten ebenso wie jene Leidenschaft, aus der heraus Aussergewöhnliches geboren wird.

Details

Typ
Gruppenausstellung
Beteiligte
Kurator*in: Simone Schaufelberger-Breguet, St. Gallen
Kurator*in: Peter E. Schaufelberger-Breguet, St. Gallen