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Lebensgeschichten in den UPK

Künstler*innenbiografien

Lebensgeschichten in den UPK Basel begleitend zur Ausstellung «Ein Traum von einem Ballkleid» – Werke aus dem Bilderlager der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel

 

Die heutigen Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel sind seit ihrer Gründung auch unter den Namen Irrenanstalt Basel (1886–1898), Kantonale Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt (1899–1960) und Psychiatrische Universitätsklinik (PUK, bis 2005) bekannt.

Das Areal der Psychiatrie war lange ein in sich geschlossener Kosmos. Wie erleben Menschen den Klinikalltag, wie empfinden Patient*innen zwischen 1960 und 1990 ihre (meist) Langzeithospitalisierung? Über 22’000 Krankenakten im Staatsarchiv Basel-Stadt geben Aufschluss über Lebensschicksale. Ärzte und Pflegepersonal protokollieren fast täglich den Zustand ihrer Patient*innen, was sie beschäftigt und umtreibt. Neben EEG- und Fieberkurven liegen auch Briefe, Weihnachtsgrüsse, persönliche Notizen und Zeichnungen in den Dossiers.

Aus der Sammlung des open art museum sind Zeichnungen von Peter Wirz (1915–2000) beigefügt, der ebenfalls Patient in den UPK Basel war. Adelheid Duvanel (1936–1996), die wiederholt in den UPK Schutz suchte und dort erneut zu zeichnen begann, wird ab dem 9. November 2025 im open art museum eine Einzelausstellung gewidmet.

Aufgrund des Persönlichkeitsschutzes sind viele Akten nicht zugänglich, Namen sind nicht bekannt oder müssen anonymisiert werden. Der Schutz hat auch seine Schattenseite: Die in der Signatur ausdrücklich vertretene Autorschaft und die damit einhergehende Selbstermächtigung wird übergangen oder muss sogar verborgen werden. Der Mensch ist in seiner Persönlichkeit und Weltsicht ausschliesslich über das Werk identifizierbar. Die für die Werkrezeption wichtigen Informationen zum Kontext und zur Anbindung an die jeweils individuelle Lebensgeschichte fehlen. Das Verständnis von mentaler Gesundheit, Konzepte von psychischer Krankheit und Psychiatrie, Therapie und Behandlungsmethoden entsprechen dem Wissen und den gesellschaftlichen Normen der jeweiligen Zeit.

Biografieforschung als Prozess

Der Umgang mit Lebensgeschichten aus Krankenakten bleibt ein steter Prozess mit vielen Fragen. Was ist vorhanden? Was darf eingesehen werden, was darf zitiert und veröffentlicht werden? Was ist wichtig für das Verständnis des Werkes? So verstehen wir diese Ausstellung als Annäherung zur weiteren Forschung. Es werden keine endgültigen Biografien angeboten, sondern ein «Forschungstagebuch» lässt an neuen Erkenntnissen teilhaben; die Biografien werden fortlaufend ergänzt und korrigiert.

Die Autorschaft der Zeichnungen aller in der Ausstellung vertretenen anonymen Künstler*innen ist unbekannt, auch liegen keine Angaben zu Entstehung der Werke vor. Somit lassen sich keine Rückschlüsse auf eine Kontextualisierung der Werke ziehen.

Es ist immer dieselbe Frauenfigur, die Vera Geigy (1937–?) zeigt. Ein Typus, der sich wiederholt und vermutlich meist ein Selbstporträt darstellt. Die vorliegenden Zeichnungen sind zwischen 1964 und 1972 entstanden und rückseitig bezeichnet als «Andenken von Vera Geigy» und fast immer dem Klinikpersonal gewidmet oder «für das (neue) Atelier».

Die Identität von H. H. ist unbekannt.

Nicht gesichert ist die Identität der Malerin mit der dünnen Krankenakte Ruth Handschin (1921–1969), die im Staatsarchiv Basel-Stadt vorliegt. Wohl wird hier von Zeichnungen gesprochen, die sie «sehr stolz» dem Arzt zeigt, andere Angaben sprechen jedoch gegen eine Übereinstimmung.

«Mein Ausflug zu den ‘Menschen’ ist gescheitert, ich habe die zarten, frischgewachsenen Flügelein verbrannt, es soll mir nicht gelingen Fuss zu fassen im Leben. Mutter sagte mir letzthin, ich hätte nicht geboren werden sollen, sie selbst sieht ein, dass es mit meinem Leben nicht geht!», rekapituliert Alice Mantot-Meister (1912–?) am 12.12.1954 in einem Brief an den Juristen Otto (von) Wyss (1889–1960). Er vertritt sie seit 1947 in ihrem Eheprozess, in dem sie nach Jahren vor dem Bundesgericht Recht bekommt und 1953 von ihrem Mann geschieden wird. Eine Freundschaft und offenbar auch ein Liebesverhältnis entstehen daraus, festgehalten im Briefwechsel, der im Schweizerischen Sozialarchiv, Zürich, vorliegt. Für die Ausstellung sind grossformatige Porträtzeichnungen ausgewählt, die einen sicheren Strich zeigen. Doch Alice Mantot ist Autodidaktin. Otto Wyss hat sie an die Kunst herangeführt und viele Briefe, die sie ihm zwischen 1949 bis 1960 schreibt, sind gekonnt illustriert und sogar mit Bildgeschichten versehen. Der Strafverteidiger, Kommunist, Übersetzer russischer Literatur und Politiker versucht, die ohne Beruf in Armut lebende Alice Mantot zu unterstützen und über einen Lehrer an Verleger oder Theater zu vermitteln. 1959 schreibt Otto Wyss: «Ich […] fühlte ihre Begabung und brachte sie erst zum Malen, dann zur Schriftstellerei. Sie schrieb etwa ein Dutzend Märchen – einiges wenige ist in Zeitschriften gedruckt – und zuletzt ‘Die Gänseliesl’.»

Kein Kontakt entsteht daraus und auch verschiedene Arbeitsanstellungen scheitern. Alice Mantot erscheint für ihre Zeit für eine Frau zu fordernd, zu eigensinnig und zu freiheitsliebend. Kurz nach ihrer Trauung soll sie den Ehemann verlassen haben und wieder ins Elsass gezogen sein. Mit Otto Wyss’ Ehe hat sich Alice Mantot abgefunden, der ab 1939 in dritter Ehe mit Hilda Gurtner aus Mürren verheiratet ist. Sie schickt Grüsse an seine Frau Hilda und dankt ihr für erhaltene Farben: «Über Hildis Beitrag für meinen Farbenkasten bin ich sehr froh. Sage ihm bitte, dass ich ihm nochmals danke. Ich betrachtete die Töpfli mit inniger Liebe, die Farben sind ein wunderbarer Begriff, um das Leben zu verkostbaren. Form ohne Farbe, sagt mir nicht zu.»

Der «Himmelist» und selbst ernannte «Sohn Gottes aus der Wunderstätte Friedmatt», Abraham Siegelbaum-Soberski, sinniert über das «Riesenwerk des Himmels» (so der Titel eines Blattes), über Naturereignisse und Himmelserscheinungen und weltumspannende Zusammenhänge: «Die Erde wurde besiegelt mit Kunstleuchtenden Wunder-Werken des Allmächtigen die die Kronen der Ewigkeit bedeuten (im Zwischenmass der Astronomie Gebete)».

Er, der «Gesalbte», glaubt, Verstorbene wiederbeleben zu können und «er redet auch von mehreren Wundern, die er täglich im Garten erschaue» (KG 7.5.1947) und liest Prophezeiungen aus den Wolken (KG 12.10.1957). Seine «herrliche Kunst» umfasst Farbstiftzeichnungen und Gouachen, gefüllt mit Symbolen und Zeichen, mit hebräischen Aufschriften, Zitaten und Gebeten. Es handelt sich um ein konzeptuelles Werk, das es noch zu erforschen gilt. Die Darstellung einzelner Himmelszeichen lässt eine Gegenüberstellung mit Zeichnungen von Peter Wirz zu.

Der erste Eintritt von Abraham Siegelbaum-Soberski in die UPK Basel ist 1937 verzeichnet und wiederholt kehrt er bis zu seinem Tod 1981 in die Klinik zurück. Im Vakuum des Kliniklebens hat er den Raum um himmlische Sphären erweitert, die auf dem Sonnenmass aufbauen und die er Ruhe erforschen kann: «Er erzählt mit Engagement und Differenziertheit von seiner reichen inneren Welt, […] eine für ihn offenbar sehr friedliche und einzigartige Welt» (KG 11.7.1979). Seine Ideenwelt verlässt er bis zu seinem Lebensende nicht. Auch 1975 findet man ihn «beim Lesen von jüdischen religiösen Schriften oder er zeichnet hebräische Schriftzeichen und legt sie in verschiedenen Bedeutungen aus» (KG 23.1.1975). Und 1979 erklärt er: «Sein Hoby [sic!] wäre die Astrologie. Hebräische Schriftzüge könne er aus den Wolken entziffern, das Symbol für Gott hätte gestern in einer Wolke gestanden – alles in allem ein glücklicher Tag, der gestrige. Allerdings müsse man schon die Zeichen zu deuten wissen, er beschäftige sich schon lange mit dieser Wissenschaft. Auch hier würde er seine Studien weiterbetreiben, wenn er Papier und Bleistift bekäme» (KG 8.10.1979).

Man begegnet Abraham Siegelbaum-Soberski in den UPK mit Sympathie. Als er wieder einmal aus der Klinik entlassen wird, lautet der Eintrag: «Ein origineller Patient und, wie mir scheint, ein guter Freund verlässt heute die Friedmatt. Schade» (KG 3.11.1947). 1979 wird er aus den UPK Basel in das Heim Charmille entlassen und man hofft seitens der Klinik, dass sich diesmal die Toleranz im Heim ihm gegenüber als etwas grösser erweise (KG 11.7.1979).

Ein Œuvre ragt unter allen heraus. Im Bilderlager der UPK Basel sind auch Arbeiten der Schauspielerin und Zeichnerin Béatrice (Bea) Schweizer (1936–2013) bewahrt. Ihr künstlerisches Werk umfasst rund 600 Bilder, klein- wie grossformatige, und nimmt in der Sammlung der UPK den grössten Umfang ein. Auch formal und inhaltlich handelt es sich um ein eigenwilliges Werk. Es ist vielseitig und zeigt ihr Können. Es liegt nahe, dass Béatrice Schweizer eine künstlerische Ausbildung absolviert haben könnte.

Eine Werkgruppe steht im Zentrum der Ausstellung: Zarte Zeichnungen mit schwarzer Tinte auf Registerpapier für EEG-Diagramme. Béatrice Schweizer nutzt den Verlauf der nervösen Kurven der gemessenen elektrischen Aktivität des Gehirns mit ihren unterschiedlichen zackigen Ausschlägen. Sie folgt den Kurven, fährt in rasanten Bewegungen darüber hinaus, verdichtet ihre Striche zu eingeschwärzten Partien, aus denen sich Figuren entwickeln. Beherrscht wird ihr Werk von Motiven des Dämonischen. In den Zeichnungen erscheinen sie wie in das Diagramm eingeschrieben, als würden sie aus den eigenen Hirnströmen herausfliessen und auf dem Papier Gestalt annehmen. Es lässt sich nur mutmassen, mit welchen inneren Dämonen Béatrice Schweizer kämpfte.

Ein Dämon ist der Alkohol. Im Film Selbstbildnis Béatrice S. (1974) spielt sie ihre eigene Sucht. Der Film ist ein Porträt, aber keine Dokumentation, er folgt vielmehr den autobiografischen Aufzeichnungen der Künstlerin. Hier äussert Béatrice Schweizer, ihre Probleme hätten schon seit ihrer Geburt bestanden, sie wollte nicht atmen, später nicht gehen. Das Magazin Der Spiegel bezeichnete den Film damals als «Versuch eines therapeutischen Wiedererlebens». «Ich bin unbrauchbar geworden», sagt sie einmal. 1968 begibt sich Béatrice Schweizer erstmals und freiwillig in psychiatrische Behandlung – um ihre Ehe zu retten, wie sie sagt. Die Ehe mit dem deutschen Filmproduzenten und Regisseur Heinz Schaefer (1963 bis 1970) habe sie gebrochen, gibt sie an. Die Schauspielerei habe sie auf Wunsch ihres Mannes aufgegeben. Es folgen Alkoholismus, eine wachsende Abhängigkeit von Medikamenten und ein On-Off in und aus der Psychiatrie. Diese nennt Béatrice Schweizer «Bewahranstalten», wo «wir seltsamen Menschen, die nicht in die Norm der Leistungsgesellschaft passen», ruhiggestellt und Drogen gegen Drogen eingesetzt werden – «ein perfekter, barbarischer Apparat». Und «ich will mich doch ansiedeln in der Gesellschaft, aber wo?». Der Spiegel schreibt: «Sie möchte gleichzeitig selbstbewusst und untauglich sein dürfen. Beatrice S. wüsste einen Ort für sich: ‘Ein Zwischenreich, ein Spielplatz für Nichtfunktionierer in dieser sogenannten Wirklichkeit.’» Sie wird schwanger, freut sich, ist hin und her gerissen zwischen Glück und Angst, der Situation nicht gewachsen zu sein. Die Ärzte, denen sie schliesslich folgt, raten zum Schwangerschaftsabbruch und zur Sterilisation. Als Baslerin ist Béatrice Schweizer mit der Fasnacht aufgewachsen, das Bild und die Kraft des Dämonischen sind ihr vertraut. In Selbstbildnis Béatrice S. sagt sie: «Lassen wir die Dämonen auch in dem Film ihr Wesen treiben. Ich will zeigen, dass es sie gibt. Damit bin ich kein mittelalterlicher Spinner, sondern Avantgarde! Es bestehen doch eindeutige Anzeichen für eine Wiederkehr und Wiedererkenntnis der hellen und dunklen Kräfte, gerade wenn sie aus dem eigenen Hirn stammen. Irgendwie müssen sie doch hineingekommen sein.»

Aus Persönlichkeitsschutzgründen ist der Name E. W. (*1934) anonymisiert. Dies hat zur Folge, dass auch die Signaturen in der Ausstellung geschwärzt (abgedeckt) werden müssen.

Peter Paul Wirz (1915–2000) ist Sohn des bekannten Ethnologen Paul Wirz (1892–1955). Zuerst lebt er vier Jahre bei einem Onkel in Goldach, anschliessend die meist Zeit bei Tanten in Basel. Die Eltern führen ein bewegtes Leben, in das der schwierige Sohn nicht hineinpasst: Forschungsreisen, der Aufbau eines «Heims für Licht- und Sonnenmenschen» im Tessin und schliesslich der traumatische Tod der Mutter, die bei einem Bootsausflug der Familie ertrinkt.

Peter Wirz durchläuft verschiedene Erziehungsheime; Ausbildungs- und Arbeitsversuche scheitern. Er wird zunehmend verhaltensauffällig und 1938 wegen «Debilität» und «Psychopathie» entmündigt. Während des Zweiten Weltkriegs wandert der Vater mit seiner dritten Ehefrau und dem gemeinsamen Sohn Dadi Wirz aus; Peter Wirz bleibt in der Schweiz zurück. 1948/49 bricht eine Psychose bei ihm aus, er kommt in die psychiatrische Anstalt Friedmatt und wird 1950 kastriert, was er in Zeichnungen thematisiert. Er arbeitet als Hilfsarbeiter und Gärtnergehilfe in der sozialmedizinischen Abteilung «Milchsuppe» und zieht dort 1973 in das neue Wohnheim.

In seinem Leben erfährt Peter Wirz Ablehnung, Entmündigung und Ausgrenzung. Immer wieder sucht er den Kontakt zu Verwandten, schreibt ihnen kurze Mitteilungen, mit denen er sich bei ihnen zum Essen einlädt. Er schreibt: «Es ist mir nur das schon ein Kreuz, dass ich mir selbst im Weg bin und es um mich herum auch menscheln muss statt götteln.»
In seiner Parallelwelt «Wirziana» kann sich Peter Wirz neu verorten. Er hat seit Mitte der 1930er-Jahre gezeichnet, aber ein grosser Teil seiner Arbeit ist in den Institutionen der UPK Basel zerstört oder verloren gegangen. Es ist dem Künstler-Bruder Dadi Wirz zu verdanken, dass rund 700 Zeichnungen erhalten sind, die meisten aus den 1950er-Jahren. Peter Wirz hat sie zwischen die Seiten seiner Bücher versteckt, wo Dadi Wirz sie schliesslich entdeckt und gesichert hat. Mit der Einzelausstellung zu Peter Wirz 2023 gingen die Werke als Schenkung an das open art museum.