Peter Paul Wirz
1915 – 2000
Wirziana - Die andere Welt des Peter Wirz
Peter Wirz’ Zeichnungen tragen Titel wie "Der Kopfzermalmapparat", "Die Todestreppe", "Der Teufel im Konzentrationslager" oder "Im Stacheldrahtkneuel". Man könnte meinen, ihr Schöpfer habe die Schrecken des 20. Jahrhunderts persönlich erlebt. Doch Peter Wirz, 1915 in Zürich geboren und 2000 in Basel verstorben, verbringt sein Leben in der verschonten Schweiz. Trotzdem dringen die Bilder fremden Leidens tief in ihn ein und verbinden sich mit seinen eigenen Erfahrungen von Ausgrenzung und Bestrafung.
Seine Eltern, darunter der bekannte Neuguinea-Forscher Paul Wirz, lassen ihn als Säugling bei Verwandten zurück, um auf Forschungsreisen zu gehen, und nehmen ihn später nie wieder bei sich auf. Die ersten vier Jahre wächst Peter Wirz im evangelischen Pfarrhaus von Goldach/SG auf, danach bei frommen Basler Tanten. In der Schule hat er Schwierigkeiten, zeichnet aber gerne und will Grafiker werden. Nach dem Scheitern an den Anforderungen der Basler Gewerbeschule bestimmt ihn sein Vater kurzerhand zum Knecht auf Bauernhöfen und später – nach einem Aufenthalt in einem Erziehungsheim – zum Gärtner.
Durch exhibitionistische Handlungen auffällig geworden, gerät Peter Wirz 1938 in Basel erstmals in Kontakt mit der Psychiatrie und wird entmündigt. Während des Zweiten Weltkriegs wird er als HD-Soldat beim Befestigungsbau eingesetzt, später arbeitet er wieder in Basel als Gärtner. Eine Psychose führt 1949 zur Diagnose Schizophrenie und seiner Einweisung in die psychiatrische Anstalt Friedmatt; 1950 wird er wegen "sexueller Abartigkeit" kastriert. Danach kommt er in die "Milchsuppe", einen vom Basler Bürgerspital betriebenen Landwirtschaftsbetrieb, der sich damals unbefangen "Arbeitslager" nennt. Dort hat er zusammen mit sozial Deklassierten unbezahlte Hilfsarbeiten zu verrichten. Immerhin ermöglicht ihm seine wohlhabende Familie, in privaten Untermietzimmern in der Stadt zu wohnen anstatt in Baracken.
In den 1950er und 1960er Jahren entsteht der Grossteil seines künstlerischen Werks: über 1000 Farbstiftzeichnungen im A4-Format, dazu zahlreiche Skizzen und handschriftliche Aufzeichnungen. Seinen Stil beschreibt er selbst als "futuristisch-symbolisch, verbunden mit Decoration eigenen Systems und mystisch". Er schöpft aus der christlich-abendländischen Heraldik – von Heiligenbildern über Wappen bis zu Militärabzeichen und Nationalemblemen – und entwickelt daraus eine Art "Geheimsprache". In dieser gestaltet er seine zwei großen Themen, beide mit dem Körper als Zentrum: Liebe, die er nie kennenlernt, und Bestrafung, bei der er sich auskennt. Besessen studiert er abendländische Strafpraktiken und entwirft unermüdlich neue Szenerien von öffentlicher Demütigung, Folter und Hinrichtung.
Während sein Vater Paul Wirz, die bürgerliche Herkunft verachtend, in der Kultur von Südseestämmen das vermeintlich "Ursprüngliche" sucht, beharrt Peter Wirz auf der Familie, die ihn verstossen hat, und "wirzianisiert" in seinen Zeichnungen das eigene kulturelle Erbe: vom "Wirz'schen Kreuz" über den "wirzianischen" Baustil bis zur "Pflanze Wirziana". Nur in der Kunst findet dieses bedrängte Leben ein Stück Freiheit. Sein vielfältiges Werk würde vermutlich unbemerkt verloren gehen, hätte nicht sein Halbbruder, der Basler Künstler Dadi Wirz, es seit den 1970er Jahren systematisch gesammelt und in den Kontext der Art Brut gestellt. Auf Dadi Wirz' Initiative werden Werke des Bruders in Art Brut-Gruppenausstellungen gezeigt: zu seinen Lebzeiten 1990 im Schloss Ebenrain in Sissach, posthum im open art museum in St. Gallen.
Disclaimer: Wir sind bemüht unsere Einträge aktuell zu halten. Über Hinweise sind wir dankbar.
Senden Sie eine E-MailKatalog Wirziana von Andres Müry

