Rosemarie Koczy
1939 (Recklinghausen, Deutschland) – 2007 (Croton-on-Hudson, USA)
Im Zentrum ihres Werkes steht ein gewaltiges Konvolut von Tuschezeichnungen, zusammengefasst in Büchern einer Schriftenreihe, ergänzt um monumentale Acrylgemälde und Holzreliefs, die alle betitelt sind „Ich webe Euch ein Leichentuch“. Mit diesem Lebenswerk gedenkt Rosemarie Koczÿ, geboren am 5. März 1939 in Recklinghausen, der Opfer des Holocaust.
Zwanzigjährig kommt sie in die Schweiz und studiert ab 1961 an der École des Arts Décoratifs in Genf. Sie entwirft eigenwillige, teils grossformatige Tapisserien. Die Liebe zum Textilen bleibt, auch in ihren Tuschezeichnungen arbeitet Rosemarie Koczÿ vielfach Spitzenmuster ein. Wiederholt besucht sie in St. Gallen das Textilmuseum, wo sie die Musterbücher studiert. 1972 lernt sie Peggy Guggenheim kennen, die eine Tapisserie für ihren Venezianischen Palazzo Venier dei Leoni, die heutige Peggy Guggenheim Collection, in Auftrag gibt. Peggy Guggenheim macht sie auch mit ihrem späteren Mentor Thomas Messer, dem Direktor des Solomon R. Guggenheim Museums in New York, bekannt. Sie ermutigen die Künstlerin nach New York zu ziehen und hier ihre Karriere fortzusetzen. 1984 heiratet Rosemarie Koczÿ in zweiter Ehe den amerikanischen Komponisten Louis Pelosi und zieht mit ihm nach Croton-on-Hudson nahe New York, wo sie am 12. Dezember 2007 stirbt.
In den siebziger Jahren vollzieht die Künstlerin einen Bruch in ihrem Werk und setzt ihr gesamtes, geradezu obsessives Schaffen unter den Titel „Ich webe Euch ein Leichentuch“. So zollt Rosemarie Koczÿ den Opfern des Holocaust posthum Respekt: „Das Leichentuch ist das Strichgewebe, das jede meiner Gestalten umgibt, um sie in Würde zu beerdigen.“ Damit katapultiert sie sich aus dem Kunstbetrieb heraus und wird in den folgenden Jahren zunehmend im Kontext der Outsider Art wahrgenommen.
In den Texten der Schriftenreihe entfaltet Rosemarie Koczÿ die Geschichte ihrer Familie, sucht wechselwirkend das kollektive Trauma individuell zu fassen und das persönliche in den kollektiven Zusammenhang zu stellen. Immer wieder bannt sie die Erzählung auf Papier; hält sie in ihren Zeichnungen fest. Im Liniengespinst verweben sich die Figuren, reduziert auf das Kreatürliche, mit dem Bildgrund oder sie verflüchtigen sich in einem Pinselschwung. Doch Rosemarie Koczÿ materialisiert sie wieder, Blatt für Blatt, und schickt diese stossweise an verschiedene Museen und an die Gedenkstätten Buchenwald und Yad Vashem. Damit sorgt sie für die Bewahrung der Erinnerung, ja zwingt zur Mahnung mit den körperlich ausgearbeiteten Holzreliefs und den kraftvollen Acrylgemälden, deren Dynamik und Expressivität geradezu überwältigen. Und sie entwirft sich selbst neu: Die Künstlerin ist zur Chronistin des Holocaust geworden. Bis zu ihrem Tod sind mehr als 12‘000 Zeichnungen entstanden – ein „allgemeingültiges Zeugnis des Unbewältigbaren“ (Eva Karcher).
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